Warum macht ihr das eigentlich?

Der Agilist war ratlos. Eigentlich verlief die Sprint-Retrospektive so, wie er sie geplant hatte. Doch nun hatte sich das Team irgendwie in eine Sackgasse verlaufen. Über die Zeitprobleme im letzten Sprint hatte man gesprochen. Ein paar Teammitglieder meinten, dass das Erstellen von automatisierten Tests sehr zeitaufwändig sei. Also hatte er ein Teammitglied gefragt: „Und warum schreibst du automatisierte Tests?“ Damit wollte er den Wert eines solchen Vorgehens für die Qualität des Produkts herausstellen. Doch was dann geschehen war, damit hatte er nicht gerechnet.

„Aber ich dachte, das war unsere Vereinbarung“, hatte sich das Teammitglied geäußert. Dem Agilisten schien es so, als wolle sich sein Gegenüber rechtfertigen. Also hatte er die Frage noch einmal gestellt. „Ja, aber warum schreibst du die Tests, wenn sie doch so viel Zeit kosten?“ Das Teammitglied sah kurz an die Decke, als würde die Antwort irgendwo dort zu finden sein, dann wandte es sich wieder dem Agilisten zu und sagte: „Aber ich kann doch nichts dafür, dass das so lange dauert. Die anderen machen das doch auch. Wir haben das doch vereinbart.“

Und hier stand er nun, der Agilist, als die Tür aufging und der Mentalist den Raum betrat. „Der hat mir gerade noch gefehlt“, dachte der Agilist bei sich. Doch dann besann er sich darauf, dass – so merkwürdig der Mentalist manchmal auch sein mochte – er doch dann und wann ganz sinnvolle Ratschläge auf Lager hatte. Also erklärte er dem Mentalist kurz, was sich in den letzten Minuten zugetragen hatte, und teilte seine Ratlosigkeit mit diesem. Der Mentalist hörte aufmerksam zu und als der Agilist mit seinen Ausführungen geendet hatte, verzog sich sein Mund zu einem wissenden Lächeln.

„Mein lieber Agilist“, schmunzelte er, „bist du dir denn überhaupt nicht den Feinheiten unserer Sprache bewusst?“ Der Agilist sah ihn fragend an. „Unsere Worte lenken die Aufmerksamkeit“, begann der Mentalist seine Ausführung. „Du möchtest den Sinn und Zweck dieses Vorgehens durch Fragen herausfinden?“ fragte der Mentalist seinen Kollegen. „Ja, und dazu habe ich einen Frage genau danach gestellt“, antwortete der Mentalist. Wieder erschien das wissende Lächeln auf dem Gesicht des Mentalisten. „Ja, das denkst du, aber in Wirklichkeit hast du erlebt, dass die Frage zu einer Suche in der Vergangenheit und einer Rechtfertigung geführt hat“, fasste der Mentalist zusammen. „Ja, das stimmt“, bekannte der Agilist. „Warum hast du diese Frage gestellt?“ fragte der Mentalist nun weiter. „Weil man das so machen soll. In der Schulung hat man uns beigebracht, immer nach dem Warum zu fragen. Und genau das habe ich getan.“ Wieder lächelte der Mentalist und blickte den Agilisten auffordernd an. Dieser war im ersten Moment etwas irritiert, doch dann erkannte er, dass er soeben auch die Antwort auf die Frage seines Kollegen in der Vergangenheit gesucht hatte. „Ich wollte erreichen, dass sich das Team Gedanken darüber macht, was der Gewinn ist, wenn es automatisierte Tests schreibt. Aber die Frage nach dem ‚Warum‘ hat bei ihnen das gleiche verursacht wie gerade bei mir. Aber wie kann ich dann verhindern, dass in der Vergangenheit gesucht wird und die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung lenken?“

„Wozu möchtest du das wissen?“ fragte der Mentalist. „Na, um in Zukunft die richtigen Fragen stellen zu können. Also verrätst du es mir jetzt?“ Auffordernd blickte der Agilist sein Gegenüber an. Aber dieser lachte nur leise. „Aber das habe ich doch gerade“, kicherte dieser. Und da fiel auch der Groschen beim Agilisten. „Aber klar, ‚Wozu‘ ist das richtige Fragewort“, rief er aus und machte sich sogleich Notizen.

„Ja, gerade im Bereich des lösungsfokussierten Coachings arbeitet man immer mit Blick auf die Zukunft, hin zur Lösung“, führte der Mentalist aus. „Man weiß, dass schon kleine und sehr feine Unterschiede in der Wortwahl das Denken eines Menschen in unterschiedliche Richtungen lenken können. Ich kann ein Liedchen davon singen, denn damit verdiene ich mein Geld“. Der Mentalist lachte. „Einfach nur die Verwendung eines anderen Fragewortes kann die Richtung, in der eine Lösung gesucht wird fundamental verändern. Ein ‚Warum‘ führt in vielen Fällen dazu, dass man in der Vergangenheit sucht. Vielleicht sogar versucht herauszufinden, wer Schuld an etwas hat. Aber wenn man erreichen möchte, dass jemand seine Aufmerksamkeit nach vorne richtete, auf ein zu erreichendes Ziel hin, oder auf einen angestrebten Nutzen, dann bietet sich ein ‚Wozu‘ viel eher an“.

Der Agilist beendete seine Aufzeichnungen und bedankte sich. „Mir war gar nicht klar, dass ein kleines Wort so einen großen Unterschied ausmachen kann“, stellte er fest. „Mach dir keine Gedanken, das ist vielen Menschen nicht klar. Ich würde dir gerne noch ein paar weitere Muster erklären, aber ich glaube dein Team wartete gerade darauf, dass du mit ihm weiterarbeitest“. In der Tat fiel dem Agilisten erst jetzt wieder ein, dass er sich ja mitten in einer Retrospektive befand. Also bedankte er sich schnell beim Mentalisten für diese wichtigen Einblicke.

Während der Mentalist unauffällig den Raum verließ, stellte der Agilist dem Team eine neue Frage: „Wozu schreibt ihr denn Unit-Tests“ und war sehr zufrieden, in welche Richtung die Diskussion sich nun entwickelte…

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