Was für ein Problem? – Das Cynefin Framework

Der Agilist lief die Treppe hinab. Seine kleine Tochter rief schon seit ein paar Minuten nach ihm. Als er endlich die Garderobe im Flur erreichte, sah er das Problem. Die Kleine hatte mal wieder ihre Schnürsenkel verknotet. Sie hatte erst vor wenigen Tagen gelernt, einen Knoten zu binden. Leider ging das auch manchmal noch nach hinten los. Der Agilist setzte ein beruhigendes Lächeln auf. Dann kniete er sich vor seine Tochter, zog den Schnürsenkel durch eine Schlaufe und wenige Augenblicke später waren die Schuhe erst entknotet und dann ordentlich gebunden. Zum Dank erntete er ein strahlendes Lächeln und ein beherztes „Danke Papi“.

Eine halbe Stunde später machte er auf dem Weg zur Arbeit noch kurz bei dem Uhrmacher halt. Letzte Woche hatte er seine Armbanduhr hier abgegeben, da sie den Dienst verweigerte. Er besaß die Uhr schon viele Jahre. Es war ein Familienerbstück. Doch irgendwann verweigerte das Schmuckstück einfach seinen Dienst. Nun nahm er gespannt die wertvolle Armbanduhr aus dem Stoffsäckchen, das der Uhrmacher ihm über die Theke gereicht hatte. Er inspizierte die Uhr und stellte zu seiner Freude fest, dass der Sekundenzeiger wieder zuverlässig tickte. Ein Kontrollblick auf eine der vielen Uhren im Verkaufsraum des Uhrmachers bestätigte, dass auch die Uhrzeit wieder korrekt angezeigt wurde. „Vielen Dank, es ist ein kleines Wunder, dass sie das Schätzchen wieder aufpeppeln konnten“, sagte er zu dem Mann auf der anderen Seite. „Ach was“, wehrte dieser ab, „das ist doch kein Wunder. Kennt man ein Uhrwerk, dann kennt man alle. Man muss halt nur verstehen, wie ein Rädchen ins andere greift. Ich habe in meinem Leben schon so viele Uhren gesehen und repariert, da kommt man in der Regel ganz schnell dahinter, welches Problem die kleinen Dinger gerade haben.“ Dann fügte er mit einem Blick auf seinen Lehrling, der mit einem Vergrößerungsglas und hochkonzentriert gerade an einem Tisch ein paar Meter entfernt saß, „Nicht wahr, mein Junge?“ Der Lehrling sah kurz auf, zuckte dann die Schultern und schüttelte den Kopf, dann widmete er sich wieder seiner Aufgabe. Mit vorgehaltener Hand flüsterte der Uhrmacher dem Agilisten mit einem Augenzwinkern zu: „Er ist noch ganz frisch. Aber er kommt auch schon noch dahinter…“

Wenige Stunden später befand sich der Agilist mitten in einem Teammeeting. Es wurde über Verbesserungen in der Arbeitsweise diskutiert. Das Team kam immer wieder zurück zu den gleichen Problemen. Immer wieder hatten sie sich zusammengesetzt, doch das Problem blieb bestehen. Vor ein paar Wochen hatte die Teamleitung den Agilisten zur Hilfe gerufen. Seitdem hatte er mit dem Team mehrere Möglichkeiten ausprobiert, wie das Problem eventuell in den Griff zu bekommen sei. Und an diesem Tag machte sein Herz einen Sprung vor Freude, als die Teammitglieder unisono verkündeten, dass in der vergangenen Woche das Problem deutlich abgemildert wurde. Es sei zwar noch nicht ganz beseitigt, aber man sehe sich auf einem sehr sehr guten Weg. Im Teammeeting besprachen sie nun ein paar Anpassungen an ihrer Vorgehensweise, dann gingen sie zurück an die Arbeit. Der Agilist war zufrieden. Es schien vorwärts zu gehen.

Gegen Nachmittag war er mit seinem Freund, dem Mentalisten, auf einen Kaffee verabredet. Der Mentalist trank Tee, wie eigentlich immer, aber er selbst hatte sich einen Kaffee bestellt. Er hatte gerade die Milch in die Kaffeetasse gegossen, da sagte der Mentalist: „Schau mal, in deiner Kaffeetasse ist das Batsignal!“ Er sah in seine Tasse, und tatsächlich, mit etwas Phantasie konnte man in dem Muster, das Milch und Kaffee bildeten etwas ähnliches wie eine Fledermaus erkennen. Er musste seinem Freund zustimmen, das erinnerte schon etwas an das Batsignal aus den Comics.  „Lustig“, sagte er, „letztens hatte ich einen Kaffee, da hat meine Frau ein Herz drin erkennen können“.

Auf der Fahrt nach Hause ließ der Agilist den Tag noch einmal Revue passieren. Er dachte zurück an die Schnürsenkel seiner Tochter, den Besuch beim Uhrmacher, das Teammeeting und schließlich den Kaffee mit seinem besten Freund. Und plötzlich, ganz unvermittelt, kam ihm ein Workshop ins Gedächtnis, welchen er vor ein paar Tagen besucht hatte. Thema des Workshops waren unterschiedliche Arten von Problemen und wie man sie lösen kann. Das Modell, das der Dozent vorgestellt hatte, nannte sich CYNEFIN Modell. Er hatte sich noch über die merkwürdige Aussprache gewundert. ‚Kanifin‘ oder so ähnlich. Erfunden hatte es ein gewisser Dave Snowden. Er musste grinsen, als er mit seinem Wagen die Straße nach Hause entlang fuhr, er hatte wohl gerade einen Paradetag für das Cynefin Modell erlebt. Wieso das so war?

Das Framework kategorisiert Probleme in verschiedene Bereiche. Zum einen gibt es dort die simplen oder einfachen Probleme. Das sind Probleme, die man wahrnimmt, kurz in einer bekannten Kategorie zuweist und dann einfach beheben kann. So wie am Vormittag, als er sofort das Problem mit den Schnürsenkeln erkannt hatte. Es erforderte kaum Aufwand für ihn, das Problem zu lösen. Es gab sogar Best Practices, auf die er zurückgreifen konnte.

Später begegnete er dann der nächsten Form, den komplizierten Problemen. Seine Uhr war ja defekt gewesen, und er selbst war nicht in der Lage, das Problem zu beheben. Es brauchte einen Fachmann mit dem nötigen Wissen, dem Uhrmacher, der das Problem sah, analysierte und dann mit seinen Fertigkeiten beheben konnte. Dieses Wissen konnte man sich aneignen, so wie der Lehrling in dem Laden, aber es würde seine Zeit dauern, bis er das Niveau seines Lehrmeisters erreichen würde. Aber im Grunde gab es klare Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, die mit dem entsprechenden Wissen beherrschbar sind. Der Uhrmacher hatte ja berichtet, dass er schon so viele Uhren gesehen hatte, dass er sich jedes Uhrwerk zutrauen würde. Es gab vielleicht keine Best Practices, die man einfach anwenden konnte, aber doch so etwas wie Good Practices, auf die der Fachmann zurückgreifen konnte.

Dann dachte er an die nächste Herausforderung, die sich ihm gestellt hatte. Er hatte es mit einer komplexen Situation zu tun, als er einem Team mit unterschiedlichen Charakteren helfen sollte, ihre Probleme in der Zusammenarbeit zu lösen. Hier gab es weder best- noch good Practices. Ebenso konnte er nicht einfach die Lösung, die andere Teams für sich gefunden hatten, auf dieses Team übertragen, weil die Menschen sich unterschieden. Aber hilflos war er dennoch nicht. Er konnte das Team mit Experimenten dazu bewegen, etwas zu verändern. Mit seiner Erfahrung konnte er einschätzen, ob das Experiment in die richtige Richtung wies und konnte Ratschläge erteilen. Dann musste der Kurs nach und nach angepasst werden. So etwas wie klare Zusammenhänge in Ursache und Wirkung gibt es in so einem Umfeld nicht. Aber seine Erfahrung bestätigte ihn, dass es so etwas wie Muster gab, die man durch Experimente und Ausprobieren herausfinden konnte.

Zuletzt hatte er mit dem Agilisten zusammengesessen. Hier ließ sich die chaotische Situation beobachten. Er erinnerte sich an die Form, die die Milch in seiner Kaffeetasse angenommen hatte. Selbst wenn er es gewollt hätte, es wäre ihm wahrscheinlich nicht wieder gelungen, das gleiche Muster zu erzeugen. Er musste an die Theorie denken, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings eine Kette von Reaktionen auslösen könnte, die zu einem Tropensturm in einem anderen Winkel der Welt führen könnte. Bei solchen Situationen half auch Erfahrung nicht wirklich weiter. Hier musste man Dinge ausprobieren und abwarten, welche Ergebnisse sich zeigen würden. Und gegebenenfalls darauf wieder reagieren.

Kurz bevor er wieder zu Hause angekommen war, klingelte das Autotelefon. Ein Kollege brauchte seinen Rat. Er schilderte kurz sein Problem: „Ich arbeite mit einem Team, das Probleme hat. Ich habe schon alles ausprobiert, was ich in der Literatur dazu finden konnte. Ich habe mehrfach mit dem Team versucht die Situation zu analysieren und die Ursache herauszufinden. Aber wir kommen da einfach nicht weiter. Hast du einen Rat für mich?“ Der Agilist musste grinsen. Er dachte an das Cynefin Framework und versprach seinem Kollegen, ihm am nächsten Tag gleich weiterzuhelfen. Nachdem er aufgelegt hatte, wurde ihm wieder bewusst, wie hilfreich das Framework zum Verständnis war. Was allerdings die große Herausforderung darstellte, war zu erkennen, mit welchem Problemtyp man es zu tun hatte. Und genau dies wollte er seinem Kollegen am nächsten Tag beibringen.

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