Der tägliche Wahnsinn

Der Mentalist war ratlos. Da hatte er sich einmal eine Idee von seinem Kollegen, dem Agilisten, geklaut, nur um zu bemerken, dass das doch alles nicht funktionieren konnte. Viel Schlimmer noch, es erschien ihm als reine Verschwendung. Dabei war er immer der Meinung, dass sein geschätzter Kollege doch genau das verhindern wollte.

Umso glücklicher war er, den Agilisten an dessen Schreibtisch anzutreffen, wo er gerade in ein Buch vertieft war.

„Es tut mir leid, lieber Agilist“, sprach er den Kollegen an, der nun von seinem Buch aufschaute, „aber ich glaube, deine Methoden funktionieren nicht bei uns“. Der Agilist blickte ihn fragend an. „Worum geht es denn genau?“ fragte er. „Vielleicht kann ich ja helfen“.

„Du hast mir doch von diesem Daily Standup erzählt“, begann der Mentalist. „Ich dachte mir, da ich jetzt mit meinen Kollegen unser nächstes Seminar vorbereite und es eine Menge an wichtigen Aufgaben gibt, dass wir da mal deine Methoden ausprobieren.“ Der Agilist nickte anerkennend. Das hatte er jetzt nicht erwartet. Er hörte weiter aufmerksam den Ausführungen des Mentalisten zu. „Also haben wir eine große Liste von Dingen aufgeschrieben, die zu erledigen sind, haben diese aufgeteilt und treffen uns nun einmal am Tag, um über die Fortschritte zu sprechen. Ich habe sogar eine Uhr besorgt, damit wir diese täglichen Austauschmeetings genau in den 15 Minuten einhalten können. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das einfach die reine Zeitverschwendung ist. Es interessiert die anderen scheinbar gar nicht, was da so erzählt wird. Am Ende gehen wir auseinander und jeder kümmert sich um seine Aufgaben. Es kommt mir vor, als wäre das verschwendete Zeit.“ Der Agilist nickte verständnisvoll. „Darf ich dich einmal als Beobachter zu eurem Daily begleiten?“ fragte er seinen Kollegen, denn er hatte zwar eine Vorahnung, wusste aber zu genau, das Ferndiagnosen sehr gefährlich sein konnten. Als der Mentalist dem Vorschlag zugestimmt hatte, verabredeten sie sich für den nächsten Tag.

Der Agilist erschien pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt und beobachtete das Zusammentreffen dieser merkwürdigen Truppe aus der zweiten Reihe. Als das Daily Standup vorüber war, ging er zu dem Agilisten hinüber, der ihn schon erwartungsvoll anblickte.

„Und?“ begrüßte ihn dieser, schon ganz gespannt auf das Urteil eines Fachmannes. Der Agilist fasste kurz zusammen was er gesehen hatte: „Nun ja, ich habe gesehen, dass deine Kollegen alle pünktlich zusammen gekommen sind. Dann hat jeder reihum erzählt, was er getan hat und was er gedenkt zu tun. Dann habt ihr euch zufrieden angeschaut, weil ihr weniger als 15 Minuten gebraucht habt und alle sind in unterschiedliche Richtungen verschwunden.“ Der Mentalist nickte. „Ja, und dabei haben wir uns genau an deine drei Fragen gehalten, die du mir genannt hattest: Was habe ich gestern gemacht, was mache ich heute und was behindert mich.“ Der Agilist nickte anerkennend. „Ja, das habt ihr. Aber seid ihr auch darauf eingegangen?“ Der Mentalist stutzte und ließ das Daily im Geist noch einmal Revue passieren. „Du meinst, ob wir auch Bezug auf das genommen haben, was die anderen gesagt haben?“ Der Agilist nickte. Wieder dachte der Mentalist nach. Zwar waren hatten sie der Reihe nach einen kurzen Statusbericht abgegeben, aber mehr war auch nicht passiert. Eine Kollegin hatte sogar davon berichtet, dass sie niemanden vom Veranstalter erreichen konnte, was sich zu einem echten Problem steigern könnte, wenn es nicht innerhalb der nächsten Stunden eine Lösung gab, aber letztendlich war sie damit alleine gelassen worden. Würde es ihr nicht gelingen ein paar Rahmenbedingungen abzuklären dann würde die Arbeit aller anderen Wertlos sein. Er teilte diese Erkenntnis mit dem Agilisten. Dieser stimmte ihm zu: „Genau, es geht ja hier nicht darum, dass jeder beweist, wie viel er zu tun hat und was er schon alles getan hat. Ihr wollt ein gemeinsames Ziel erreichen, nämlich euren nächsten Auftritt vorbereiten. Aber euer Ziel ist in massiver Gefahr und ihr habt nichts unternommen, um eurer Kollegin zu helfen. Weißt du, um meinen Scrum-Teams den Wert des Daily Standups zu verdeutlichen, bediene ich mich gerne einer Metapher, die ich einmal in einem Buch gelesen habe. Dabei wird das Daily mit einem Familienfrühstück verglichen. Es findet jeden Tag zur selben Zeit am selben Ort statt und auch die gleichen Teilnehmer sind dort. Vater, Mutter und zwei Kinder. Und nun wird der Tag geplant. Der Vater könnte zum Beispiel sagen, dass er bis vier Uhr arbeiten muss und leider nicht die Kinder wie vereinbart von der Schule abholen könne. Aber er war mit dem Zweitwagen tags zuvor in der Werkstatt, so dass dieser nun wieder einsatzbereit sei. Daraufhin könnte die Mutter antworten, dass sie dann mit dem Zweitwagen die Kinder abholen könne, es aber super sei, wenn er auf dem Heimweg noch im Supermarkt anhalten könnte und für das Abendessen einkaufen würde. Somit entsteht nach und nach ein gemeinsamer Tagesplan bei dem ein Rädchen in das andere greift und die Familie am Ende des Tages alles erledigt hat, was man sich vorgenommen hatte. Und so sollte auch ein Daily Standup sein.“

Der Mentalist nickte und selbst der Agilist konnte ihm deutlich ansehen, dass sich in ihm eine Erkenntnis breitmachte. „Das heißt also, das Daily ist gar kein Statusmeeting, sondern ein Planungs- und Abstimmungsmeeting?“ teilte er seine Erkenntnis mit dem Agilisten, der erfreut nickte. „Genau, hier geht es darum sich täglich neu abzustimmen um das gemeinsame große Ziel zu erreichen. Die drei Fragen, die du genannt hast, gelten nur als Leitplanke. Viel wichtiger ist es, als Team zu agieren, so dass gemeinsame Ziele erreichbar sind.“ Der Mentalist hatte mittlerweile sein Notzibuch hervorgeholt und war schon fleißig am notieren. Ihm war nun klar, was er morgen ändern müsste, damit er diese Viertelstunde nicht mehr als vergeudete Zeit ansah. „Ich sehe schon, da kommt noch eine Menge Arbeit auf uns zu“, sagte er zu sich selbst. Der Agilist nickte. „Ja, und es wird einige Zeit dauern, bis man dort angelangt ist, wo man hinmöchte. Aber der erste Schritt ist getan.“ „Ja“, bestätigte der Mentalist. „Immerhin weiß ich jetzt wozu das Daily Standup genau durchgeführt wird“, sagte er mit einem Augenzwinkern.

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