Eine Kokosnuss zum Feedback

Der Weihnachtsurlaub war vorbei und der Mentalist hatte festgestellt, dass er seinem Freund – dem Agilisten – schon lange keinen Besuch mehr abgestattet hatte. Also schaute er in dessen Büro vorbei und fand den Agilisten grübelnd an seinem Schreibtisch vor.
„Oh, du siehst aus, als hättest du eine schwierige Nuss zu knacken“, begrüßte er ihn mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Agilist sah auf und antwortete: „Ja, kann man wohl sagen“. Nachdem man ein paar Geschichten aus dem Weihnachtsurlaub ausgetauscht hatte fragte der Mentalist: „Und was bereitet dir nun solch ein Kopfzerbrechen, alter Freund?“ Der Agilist antwortete: „Ach, das übliche. Eigentlich begegnet mir das immer wieder, aber ich bin jedes Mal aufs neue Ratlos.“ Und er erzählte weiter: „Wie du weißt, versuche ich den Teams zu helfen, zu erkennen, wie sie ihr Potenzial noch besser nutzen können. Aber es passiert mir immer wieder, dass ich plötzlich der Buh-Mann bin, wenn ich die Dinge anspreche, die ich beobachtet habe.“ Der Mentalist fragte: „Du meinst, du sagst den Leuten, was sie falsch machen und wunderst dich, dass sie das nicht mögen?“ Er zwinkerte mit dem Auge. Der Agilist grinste. „Nein, so ist es ja auch nicht. Ich meine, ich versuche ihnen ja nur zu helfen, ihr Potenzial zu erkennen und gebe ihnen Feedback um besser zu werden. Ich habe doch nur die besten Absichten. Aber irgendwie treffe ich echt oft auf Widerstand und dringe einfach nicht zu den Leuten durch.“ Der Mentalist nickte verständnisvoll. „Darf ich dir eine kleine Geschichte erzählen?“ fragte er und als der Agilist freudig zustimmte, begann der Mentalist zu erzählen.

Auf einer kleinen Insel irgendwo in den Weiten des Ozeans lebte einst ein junger Mann. Er war auf der Insel aufgewachsen und kannte fast jeden Winkel seines Eilands. Auf der Insel standen eine Menge Obstbäume, die dem jungen Mann als Nahrung dienten. Es ging ihm gut und er liebte seine Insel. In Sichtweite zu seiner kleinen Insel gab es eine zweite Insel in dem Ozean. Auf dieser anderen Insel lebte eine junge Frau. Ab und zu sahen der junge Mann und die junge Frau sich, wenn sie sich beide am Strand aufhielten aus der Ferne.
Eines schönen Tages – der junge Mann befand sich wieder einmal am Strand und sah zu der anderen Insel hinüber – bemerkte er, dass die junge Frau irgendetwas merkwürdiges tat. Er konnte nicht genau erkennen was, aber ehe er sich’s versah, flog etwas braunes, kugelförmiges über das Meer auf seine Insel zu. Er bekam es mit der Angst zu tun und suchte Schutz hinter einem Apfelbaum. Das braune Etwas krachte auf seinen Strand. Ungläubig sah er das braune Ding im grünen Gras seiner Insel liegen. Böse funkelte er die junge Frau auf der anderen Insel an. Diese winkte ihm nur freundlich zu, und schien sich sehr zu freuen. War sie verrückt geworden? Warum griff sie ihn an? Vorsichtig näherte er sich dem braunen Ding, und als er merkte, dass es ungefährlich zu sein schien, nahm er es und warf es in den Ozean. Dann zog er sich in das innere der Insel zurück und begann zu grübeln, wie er diesen Angriff der jungen Frau erwidern könnte. Das wollte er sich nicht gefallen lassen.


Aber lassen wir kurz den jungen Mann alleine für sich grübeln und wenden wir uns der jungen Frau auf der anderen Insel zu. Auch sie war auf der Insel aufgewachsen und kannte sie wie ihre Westentasche. Die Insel war ihr sehr ans Herz gewachsen und sie konnte sich keinen besseren Ort auf der Welt vorstellen als diese Insel. Und am liebsten auf der tollen Insel mochte sie die leckeren Kokosnüsse. Immer wieder, wenn sie am Strand den jungen Mann auf der Nachbarinsel sah, dachte sie, was ihm für ein Genuss entging, denn seinen Insel hatte ganz offensichtlich keine Kokosnüsse zu bieten. Die Bäume auf seiner Insel sahen ganz anders aus als ihre und die Früchte, die er aß, kamen ihr lächerlich und klein vor. Das konnte doch nicht schmecken. Heute hatte sie sich also vorgenommen, als sie ihren Nachbarn wieder am Strand stehen sah, dass sie ihm eine Freude machen wollte und eine Kokosnuss schenken wollte. Also baute sie ein kleines Katapult um ihm das Geschenk herüberzuschicken. Oh, was würde er sich freuen, wenn er die leckere Kokosnuss kosten würde. Voller Vorfreude schickte sie die Nuss auf die Reise und als die Nuss wirklich bis zum grünen Strand der anderen Insel flog und dort landete jubelte sie vor Freude. Sie war glücklich, ihren größten Schatz mit jemanden teilen zu können.
Doch als sie das Verhalten des jungen Mannes sah, der erst im Wald verschwunden war und dann die Frechheit besaß, die wertvolle Kokosnuss einfach zu nehmen und in den Ozean zu werfen, wurde sie wütend. Statt sich für ihr Geschenk zu bedanken warf er es einfach weg und sah auch noch sehr aufgebracht und wütend aus. Enttäuscht und sauer zog sie sich auch vom Strand zurück. Was war das nur für ein komischer Mensch? Ihm würde sie sicher nicht mehr von ihren wertvollen Kokosnüssen abgeben, wenn er so damit umging.

Der Agilist dachte eine ganze Weile über die Geschichte des Mentalisten nach. „Okay, ich glaube ich verstehe, was du mir sagen willst“, brach er schließlich das Schweigen. „Mein wohlgemeintes Feedback war die Kokosnuss, die der andere einfach nicht einordnen konnte und deshalb als Angriff angesehen hat?“ fragte er. „Genau“, bestätigte der Mentalist. „Ganz schöner Mist“, lachte der Agilist, „das ist in der Geschichte ja mal voll nach hinten losgegangen. Dabei hätte es doch eine sehr schöne Geschichte werden können…“ „Stimmt genau“, sagte der Mentalist. „Vielleicht hätte die junge Frau den Mann vorwarnen können“, sinnierte der Agilist, „oder besser noch: sie hätte ihn fragen können, ob er eine Kokosnuss haben möchte!“ Der Mentalist nickte ihm aufmunternd zu. „Ja, Feedback ist ein Geschenk, und beide Seiten sollten es auch so behandeln.“
„Dieser Gedanke gefällt mir“, sagte der Agilist anerkennend. „Das ist eine echt schöne Metapher. Auch, wenn es vielleicht nicht so üblich ist, jemanden zu fragen, ob er ein Geschenk bekommen möchte, es sei denn es handelt sich um ein Werbegeschenk.“ Die beiden Freunde lachten. „Aber vielleicht passt es doch ganz gut, denn wenn ich nicht weiß, ob es ein echtes Geschenk oder ein Werbegeschenk oder Lockangebot ist, dann bin ich auch da relativ vorsichtig“, ergänzte der Mentalist. „Stimmt auch wieder“, erkannte der Agilist an. „Aber es gibt einen anderen Aspekt, den ich viel wichtiger finde bei dieser Metapher.“ „Und der wäre?“ fragte der Mentalist. „Nun ja, wenn ich jemandem etwas schenke, dann gehört es ihm. Und ich als Schenkender muss akzeptieren, dass er mit dem Geschenk tut, was immer er will. Er kann es umtauschen, weiter verschenken, ablehnen und im Meer versenken oder etwas ganz anderes verrücktes tun.“ Der Mentalist lachte. „Ja, man stelle sich vor, wie die junge Frau geschaut hätte, wenn ihr Nachbar die Kokosnuss nicht ins Meer geworfen hätte, sie aber gerne als Sitzgelegenheit oder als Fussball verwendet hätte. Wie hätte sie wohl auf diese unerwartete Wendung reagiert?“ Wieder lachten beide.
Nach einer Weile sagte der Agilist dann: „Danke mein Freund, ich glaube, ich weiß jetzt, wie ich in Zukunft mit Feedback umzugehen habe. Ich werde viel ernster nehmen, ob mein Inselnachbar mein Feedback-Geschenk annehmen möchte und auch akzeptieren, dass er es so nutzt, wie es ihm auf seiner Insel am sinnvollsten erscheint.“ „Das ist ein guter Plan“, meinte der Mentalist und winkte seinen Freund zum Abschied.

(Hinweis: Die Kokosnuss-Geschichte stammt in Rohform aus „Agile Teams lösungsfokussiert coachen“ von Veronika Kotrba und Ralph Miarka)

 

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