Eine Reise ins Ich – Entwicklungsstufen nach Loevinger

Der Agilist war verzweifelt. Er kam gerade aus einer zähen Diskussion, die zu keinem Ergebnis geführt hatte, da lief ihm zufällig sein alter Freund, der Mentalist über den Weg. „Was ziehst du denn für ein Gesicht“, fragte dieser den unglücklich dreinschauenden Kollegen. „Ich verzweifle noch an dieser Engstirnigkeit„, beklagte sich der Agilist. „Ich komme einfach nicht weiter. Ich habe jetzt mehrere Tage und Stunden diskutiert und wirklich alle meine Argumente ganz genau erklärt, aber mein Gesprächspartner ist überhaupt nicht bereit, sich mit meiner Perspektive zu beschäftigen. Ich verstehe einfach nicht, was in ihm vorgeht.“ Der Mentalist lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Mach dir nichts draus und nimm es nicht persönlich.“ Der Agilist sah ihn hilflos an. „Aber warum verhält er sich dann so? Jeder erwachsene Mensch sollte doch auch mal über den Tellerrand hinausblicken können. Die Welt ist doch nicht so einfach, wie er sie sich macht!“ Der Mentalist nickte und antwortete: „Da hast du Recht, aber wir sehen die Welt eben nicht so wie sie ist, sondern so wie wir sind. Und dein Gesprächspartner wird die Welt eben so sehen, wie es seine Stufe der IchEntwicklung gerade zulässt.“ Der Agilist horchte auf. „Seine Stufe der Ich-Entwicklung?„Ja“, sagte der Mentalist. „Es gibt verschiedene Stufen der Ich-Entwicklung, und diese Stufen sind maßgeblich dafür verantwortlich, wie wir die Welt sehen und Dinge beurteilen.“ Der Agilist wurde neugierig und wollte mehr wissen. „Und welche Stufen gibt es?“ fragte er den Mentalisten. „Ich hätte da einen Vorschlag“, entgegnete dieser und zog ein kleines Stück Papier und einen Stift aus seiner Tasche. Geheimnisvoll schrieb er etwas auf den kleinen Zettel und überreichte ihn seinem Kollegen. „Komm morgen früh um acht zu dieser Adresse, dann schauen wir uns die Stufen der Ich-Entwicklung gemeinsam an.“ Der Agilist brauchte gar nicht lange zu überlegen. Seine Neugier war einfach zu groß. Also stimmte er zu und ging mit dem guten Gefühl nach Hause, am nächsten Tag Antworten auf seine Fragen zu erhalten.

Vorsoziale Stufe

Am nächsten Morgen um Punkt acht Uhr fand sich der Agilist an der Adresse ein, die der Mentalist ihm aufgeschrieben hatte. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass es sich bei dem Gebäude vor dem er stand, um ein Krankenhaus handelte. Was wollte sein Freund ihm hier wohl zeigen? Seine Neugier stieg noch weiter an. Der Mentalist hatte schon vor der Eingangstür auf ihn gewartet und hielt sich gar nicht lange mit einer Begrüßung auf. „Guten Morgen lieber Agilist, komm doch gleich mit, wir haben nicht allzu viel Zeit, denn wir begeben uns auf eine lange Reise.“ Der Agilist nickte und folgte seinem Freund hinein in das Gebäude und durch eine Reihe verwinkelter Gänge, bis
sie schließlich vor einem großen Glasfenster halt machten. Als der Agilist hindurchsah, konnte er viele kleine Bettchen mit Neugeborenen erkennen. „Hier beginnt unsere Reise“, sagte der Mentalist feierlich.

Sie standen für eine Weile einfach da und beobachteten, was sich auf der Station so alles abspielte. Der Agilist sah Krankenschwestern, die sich um die Kinder kümmerten, frisch gebackene Mütter, die auf jeden Laut ihrer Kleinen sofort reagierten und eine Menge von Betriebsamkeit. „Hier kann man die erste Stufe der Ich-Entwicklung ziemlich gut erkennen“, erklärte der Mentalist schließlich. „Man bezeichnet sie gerne als die vorsoziale Stufe, weil hier eigentlich noch kein Ego vorhanden ist. Die Säuglinge sind noch nicht wirklich in der Lage, die Welt von sich selbst zu unterscheiden. Eine Unterscheidung von der Außenwelt und dem eigenen Selbst ist hier erst im Aufbau. Hier geht es nur darum, körperliche Bedürfnisse zu befriedigen.“ Der Agilist nickte. Er hatte verstanden. „Diese Phase wird bei der Betrachtung von Ich-Entwicklungsstufen gerne ausgelassen“, fuhr der Mentalist fort, „da sie – wie du dir denken kannst – von allen Heranwachsenden sehr schnell hinter sich gelassen wird.“ Der Mentalist deutete auf eine junge Familie, die sich gerade auf den Weg nach draußen machte. „Ich habe das Gefühl, wir sollten ihnen einmal folgen“, sagte er. So folgten Sie der jungen Familie auf dem Weg aus dem Labyrinth der Gänge hinaus, fasziniert und neugierig zugleich.

Impulsive Stufe

Es dauerte nicht lange und sie kamen an einem Spielplatz in der Nähe vorbei, der ganz offensichtlich auch das Ziel der jungen Familie darstellte. Unsere Freunde setzten sich auf eine Parkbank, von der aus sie den Spielplatz gut überblicken konnten. Von hier aus konnte der Agilist mehrere Gruppen spielender Kindern erkennen. Der Mentalist lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine der Gruppen, in der ein paar Kinder sich augenscheinlich gerade stritten. Ein kleiner Junge wollte seine Plastikschaufel nicht mit einem anderen Kind teilen. Da das andere Kind sich aber nicht davon abbringen ließ, wurde der Junge wütend und schlug mit der Schaufel nach dem Kind. Dieses lief daraufhin weinend davon.

„Diese Kinder befinden sich höchstwahrscheinlich in der zweiten Stufe, die auch die impulsive Stufe genannt wird“, erklärte der Mentalist. „In dieser Stufe haben die Kinder eine sehr egozentrische Sicht auf die Welt. Alles dreht sich darum, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ „Oh ja, diese Stufe kenne ich noch allzu gut von meinen eigenen Kindern“, musste der Agilist schmunzeln. „Wenn man genau das tat, was sie wollten, dann war man gut, und wenn man es nicht tat, dann war man der Böse.“ Der Mentalist nickte. „Genau“, bestätigte der Mentalist, „das ist ganz typisch für diese Stufe“.

Selbstorientierte Stufe

Plötzlich zog Geschrei ganz in der Nähe ihre Aufmerksamkeit an. Eine Gruppe von Kindern stand vor einem Klettergerüst. Ein kleines Mädchen weinte. Der Agilist schätzte, dass es sich weh getan hatte. Drei Erwachsene waren an die Gruppe herangetreten, vermutlich die Eltern der Kinder. Der Agilist und der Mentalist konnten hören, wie ein Erwachsener einen der Jungs, die in der Gruppe standen fragte: „Warum hast du Susi von der Leiter geschubst?“. Der Junge schüttelte den Kopf: „Das habe ich doch gar nicht.“ Ein anderer Erwachsener schaltete sich ein: „Doch, ich habe es genau gesehen. Du hast sie von der Leiter geschubst.“ Der Junge schien jetzt wütend zu werden. „Ja, aber nur, weil sie mir vorher auf die Hand getreten ist.“

Der Mentalist wandte sich seinem Freund zu und sagte: „Schau mal, hier kann man die dritte Stufe, die Selbstorientierung, in Aktion bewundern.“ Der Agilist lachte verschmitzt. „Oh ja, auch diese Phase kenne ich noch gut von meinen Kindern“, meinte er. „Die Kinder haben sich einfach nichts sagen lassen und immer alles abgestritten. Und wenn sie gemerkt haben, dass sie eindeutig erwischt worden sind, dann haben sie die Schuld immer bei allen anderen gesucht, nur nicht bei sich selbst.“ Der Mentalist stimmte zu und ergänzte: „Genau das sind charakteristische Signale dieser Stufe. Zudem kommt noch, dass jemand, der sich in dieser Stufe befindet, oft auch noch nicht in der Lage ist abstrakt zu denken sondern sich immer auf das Konkrete bezieht“.

Gemeinschaftsbestimmte Stufe

In der Ferne hörten sie das Läuten einer Schulglocke. „Oh, ich glaube, es ist Zeit für uns zu gehen“, forderte der Mentalist seinen Freund auf, ihm zu folgen. „Es ist Zeit, dass wir die vorkonventionellen Phasen hinter uns lassen, und uns den konventionellen widmen“. Der Agilist folgte ihm bereitwillig in die Richtung, aus der sie das Läuten vernommen hatten.

Durch einen Zaun hindurch konnten sie das bunte Treiben auf einem Pausenhof beobachten. Sie sahen eine Gruppe von Jungs, die einem Tennisball hinterherjagten, eine Gruppe von Mädchen, die sich gegenseitig die neusten Posts auf ihrem Smartphone präsentierten, eine Gruppe dunkel gekleideter Jugendlicher, die kaum hinter ihren langen Mähnen zu erkennen waren und viele weitere Grüppchen. „Hier können wir ein schönes Beispiel für die gemeinschaftsbestimmte Stufe sehen“, erklärte der Mentalist. „Schau dir nur all diese Gruppen an. Viele ihrer Mitglieder verknüpfen ihre eigene Identität ganz eng mit der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Das ist ein ganz typisches Verhalten für Personen, die in dieser Phase stehen.“ „Hmm, ich glaube meine Tochter befindet sich gerade genau in dieser Phase“, sagte der Agilist nachdenklich. „Sie trägt die gleiche Kleidung wie ihre Freundinnen, hört die gleiche Musik und schaut die gleichen Fernsehsendungen. Ihr häufigstes Argument ist ‚Aber die anderen machen das doch auch‘. Letztens hatte sie sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie sich mit einer Freundin getroffen hatte, die sie aus Kindergartenzeiten kennt, die aber ganz andere Interessen hat. Sie hat ihren Freundinnen nichts davon erzählt.“ Der Mentalist nickte verständnisvoll. „Das klingt ganz nach der gemeinschaftsbestimmten Phase. Hier ordnet man sich den Gruppennormen unter und Schuldgefühle sind keine Seltenheit, wenn man gegen Gruppennormen verstoßen hat oder Erwartungen der Gruppe nicht gerecht wird.“

Rationalistische Stufe

Mittlerweile hatte ein erneutes Läuten die Pause beendet und die Kinder und Jugendlichen waren wieder in ihre Klassenräume verschwunden und hatten unsere beiden Freunde alleine zurückgelassen. Diese machten sich auch wieder auf den Weg und wanderten den Gehweg entlang. Als die hohen Gebäude der städtischen Universität über den Dächern der anderen Häuser zu erkennen waren, hatte der Agilist das Ziel schon längst erraten. Am Campus angekommen führte der Mentalist aus: „Im jungen Erwachsenenalter erreichen immer mehr Menschen die fünfte Stufe, die man auch die rationalistische Phase nennt.“

Bei ihrer Wanderung über den Campus kamen alte Erinnerungen an das Studium im Agilisten hoch. „Oh man, was waren das für Zeiten. Ich kann mich noch erinnern, dass ich so ganz anders werden wollte als meine Eltern. Ich wollte mich abheben von der Masse und hab mein eigenes Ding durchgezogen. Gut, dass du mich damals nicht gekannt hast, mit meinen langen Haaren und dem Vollbart. Du hättest mich sicher nicht wiedererkannt“. Der Mentalist lachte. „Ich würde ja zu gerne ein Foto von dir aus dieser Zeit sehen. Das würde sich bestimmt gut an unserem schwarzen Brett machen.“ Der Agilist schmunzelte, aber schwieg. „Du hast aber schon ein wichtiges Merkmal dieser Phase genannt“, lobte ihn der Mentalist. „Die Motivation, sich von anderen abzuheben, ist eine große Antriebskraft in dieser Phase. Hinzu kommt eine rationale Denkweise und der Versuch, in allem Kausalzusammenhänge zu erkennen.“ „Stimmt“, pflichtete der Agilist bei, „ich erinnere mich daran, dass ich mich bemüht habe, alles rational erklären zu können. Ich kann mich auch noch erinnern, wie ich mir damals extra ein Zeitmanagementsystem angeeignet habe, um mein Studium noch besser durchziehen zu können“. Der Agilist nickte verständnisvoll. „Was auch ein typisches Merkmal in dieser Stufe ist. Die Konzentration auf die Effizienz steht im Mittelpunkt.“ „In dieser Zeit habe ich auch eine kleine Arbeitsgruppe geleitet“, erzählte der Agilist. „Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wie schwer es mir damals fiel, die Teilnehmer unter einen Hut zu bekommen. Es war gar nicht so leicht, die verschiedenen Sichtweisen zu verstehen und ich konnte oftmals auch das Verhalten der Teilnehmer nicht nachvollziehen. Hat das auch etwas mit dieser Stufe zu tun?“ Der Mentalist nickte. „Ja, auch das ist ganz charakteristisch. In dieser Phase entsteht ein erstes Bewusstsein für genau diese unterschiedlichen Sichtweisen, Motive und Verhaltensmuster. Allerdings benötigt es die nächste Stufe, um damit auch sinnvoll umgehen zu können.“

Eigenbestimmte Stufe

Schließlich erreichten sie das an den Universitätscampus angrenzende Technologiezentrum, in dem sich in den letzten Jahren eine Reihe kleiner Startups und kleine Unternehmen angesiedelt hatten. Sie begaben sich zu der Kantine in der Mitte des Technologiezentrums, da die Mittagsstunde mittlerweile angebrochen war, und sie beide ein leichtes Hungergefühl verspürten. Als sie sich mit ihrem Mittagessen zufrieden an einen freien Tisch gesetzt hatten, wurde ihre Aufmerksamkeit von einem Gespräch am Nachbartisch erregt, dem sie gespannt zuhörten. „Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dann müssen wir das Problem unbedingt lösen“, sagte ein junger Mann zu seiner Kollegin. „Wir müssen einfach besser werden als wir momentan sind.“ Die Frau, ungefähr im gleichen Alter wie der Mann, stimmte ihm zu. „Ja, wir werden das schon in den Griff bekommen. Wir haben auch schon ein paar Maßnahmen ergriffen, um unsere Ziele schneller zu erreichen.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und es tut mir echt leid, dass ich da vorhin im Meeting eine Grenze überschritten habe. Ich wollte Sie nicht persönlich angreifen.“

Dem Mentalisten genügte das gehörte und er lächelte zufrieden. „Wie schön, dass der Zufall uns gleich hier schon mit der sechsten Stufe, der eigenbestimmten Stufe, zusammenbringt“, raunte er dem Agilisten zu. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden am Nachbartisch sich in dieser Stufe befinden ist nicht allzu gering.“ Der Agilist dachte nach und versuchte sich dann an der Interpretation: „Scheinbar werden unsere Tischnachbarn durch Ziele geleitet. Zudem scheinen sie sich darauf konzentriert zu haben, irgendetwas zu optimieren. Hat es etwas damit zu tun?“ „Stimmt genau“, bestätigte der Mentalist. „Zielorientierung ist eines der Merkmale. Hinzu kommt ein Fokus auf Selbstoptimierung. In dieser Phase besitzen die Menschen auch tendenziell eigene Werte, Ziele und Vorstellungen und sind nicht mehr von Gruppennormen abhängig. Ist dir sonst noch etwas aufgefallen?“ Der Agilist dachte lange nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, nicht direkt. Außer…“, der Agilist kniff die Augen zusammen, „… die Frau hatte sich doch bei ihrem Kollegen entschuldigt für ihr Verhalten im Meeting. Willst du darauf hinaus?“ Der Agilist hatte immer noch die Kinder auf dem Spielplatz in Erinnerung, die ganz anders mit so einem Verhalten umgegangen wären. Der Mentalist nickte freudig und ergänzte: „Genau das. Sie hat sich nicht nur entschuldigt, sie hat das auch deshalb getan, weil sie ihren Kollegen verletzt hat. Sie hat sich also nicht nur an Regeln gehalten, sondern ist sich der Gegenseitigkeit und der Verantwortung in Beziehungen bewusst und misst diesem einen hohen Wert bei.“

Zwischenspiel

Die beiden Freunde hatten sich nach dem Mittagessen zu einem Verdauungsspaziergang in den nahegelegenen Park begeben. Während sie durch die angenehme Mittagssonne zwischen den Bäumen entlang schlenderten, unterhielten sie sich über die Erlebnisse des bisherigen Tags.

„Gibt es eine ungefähre Altersgrenze, wann man gewisse Phasen hinter sich gebracht hat?“ wollte der Agilist wissen. Der Mentalist schüttelte den Kopf. „Nein, nicht direkt. Es ist schon so, dass gewisse Phasen normalerweise in bestimmten Lebensbereichen erreicht werden, aber es gibt keine Garantie dafür. Es ist auch nicht gesagt, dass manche Phasen überhaupt erreicht werden.“ Der Agilist sah seinen Freund erstaunt an. Der Mentalist nickte nur und erklärte dann: „Ja, du erinnerst dich doch an die vorkonventionellen Phasen. Also die Kinder im Krankenhaus und auf dem Spielplatz. Schätzungen besagen, dass heutzutage ungefähr 5% der Erwachsenen sich noch in einer dieser Entwicklungsstufen befinden.“ Das erschien dem Agilisten logisch. Es war ja durchaus möglich, dass es Menschen gab, die sehr impulsgesteuert waren oder extrem egoistisch, zumindest war das nicht auszuschließen. Dennoch entwickelten sich die meisten Menschen über diese Stufen hinaus, sonst wäre ja auch das Zusammenleben in einer komplexen Gemeinschaft gar nicht möglich. „Gibt es auch Schätzungen, wie viele Erwachsene in den anderen Stufen sind?“ wollte der Agilist wissen. „In der gemeinschaftsbestimmten Phase befinden sich ungefähr 12% der Bevölkerung“, führte der Mentalist aus, „aber die meisten Erwachsenen Menschen, ungefähr 38%, befinden sich in der rationalistischen Phase oder der selbstbestimmten Phase, die sich auf zirka 30% beläuft. Diese Phase ist auch so etwas wie die vorherrschende oder Ziel-Phase in der westlichen Gesellschaft.“

„Und wie gelangt man von einer Phase in die nächste?“ fragte der Agilist ganz fasziniert. „Die meisten Menschen geraten früher oder später in Situationen, in denen die Phase, in der sie sich gerade befinden, nicht mehr zur Erklärung oder Auflösung von inneren Konflikten ausreicht. In solchen Situationen suchen sie dann nach neuen Mustern und gelangen eventuell zur nächsten Entwicklungsstufe. Aber du kannst dir sicher vorstellen, dass es keine klare Abgrenzung der Stufen gibt. Wir reden hier schließlich über ein Modell. Dieses ist zwar wissenschaftlich gut belegt, aber stellt eben doch eine gewisse Vereinfachung dar. Die Übergänge sind also fließend. Trotzdem gibt es zuverlässige Tests, mit denen man bestimmen kann, auf welcher Stufe sich jemand gerade befindet.“

„Hat die Ich-Entwicklungsstufe etwas mit der Intelligenz zu tun“, fragte der Agilist weiter. „Zumindest nicht direkt“, erhielt er als Antwort seines Freundes. „Natürlich spielt die Intelligenz eine gewisse Rolle, aber dennoch kann es Menschen geben, die einen sehr hohen Intelligenzquotienten besitzen und die in dem Stufenmodell auf einer kleineren Stufe stehen als andere Menschen, die nicht einen so hohen Intelligenzquotienten besitzen. Es kommt eben auch ganz auf die Umstände, den Kontext und die Erfahrungen an, die ein Mensch in seinem Leben gemacht hat. Allerdings besteht ein gewisser Zusammenhang alleine dadurch, dass die höheren Stufen eine gewisse Komplexität verlangen, die sich auch in der sprachlichen Darstellung zeigt.“

Nach einer kurzen Pause fügte der Mentalist hinzu: „Man darf diese Stufen auch nicht so betrachten, dass sie einen Menschen beurteilen oder in Schubladen stecken. Es ist ein Arbeitsmodell und kein Beurteilungsmaßstab.“ Der Agilist nickte. Er hatte verstanden.

„Wenn ich richtig gerechnet habe“, wandte er sich schließlich an den Mentalisten, „dann gibt es noch 15% der Erwachsenen in Entwicklungsstufen, die wir bisher noch nicht gesehen haben.“ Der Mentalist nickte. „Genau, und genau diese werden wir uns jetzt auch noch anschauen.“

Relativierende Stufe

Gespannt, wie es nun weitergehen würde, folgte der Agilist seinem Freund und bemerkte bald, dass sie wieder auf den Campus der Universität zurückgekehrt waren. Sie betraten ein großes Gebäude und schließlich öffnete der Mentalist eine Tür, hinter der ein kleiner Hörsaal zu finden war. Eine kleine Gruppe hatte sich in den vorderen Reihen eingefunden und schien ein Rollenspiel durchzuführen. Die beiden Beobachter nahmen in einer der hinteren Reihen Platz und der Mentalist klärte seinen Kollegen auf: „Hier sehen wir ein Training für Mediatoren. Der Professor dort unten ist ein alter Bekannter von mir.“ Sie beobachteten das Geschehen für eine Weile. Der Agilist konnte sehen, wie der Professor die Teilnehmer immer wieder aufforderte, die Dinge und ihre Reaktionen darauf zu hinterfragen. Immer wieder forderte er sie auf, sich in andere Personen hineinzuversetzen und die Situation aus deren Sicht zu beschreiben.

Der Mentalist wandte sich leise an seinen Nachbarn: „Die siebte Stufe, die auch die relativierende Stufe genannt wird, fördert das stärkere Hinterfragen der eigenen Sichtweisen und der von anderen Menschen. Zudem entsteht ein Bewusstsein darüber, wie die eigene Wahrnehmung die Sicht auf die Welt prägt.“ Der Agilist dachte kurz nach. „Ich verstehe. Das ist natürlich für die Arbeit als Mediator sehr förderlich. Kann man denn durch ein Coaching oder Training jemanden auf die nächste Stufe der Ich-Entwicklung anheben?“ Der Mentalist dachte kurz nach. „Natürlich hilft die Beschäftigung mit solchen Inhalten. Aber prinzipiell sind sich die Fachleute ziemlich sicher, dass der Stufenwechsel von der Person selbst angestoßen werden muss. Und zumeist benötigt es gewisse Krisen dafür. Aber die Entwicklung ist ja nicht nur vertikal, sondern auch horizontal. Das heißt, auch innerhalb einer Stufe kann man sich weiterentwickeln. Und ein Training kann vielleicht keinen Stufenwechsel bewirken, aber es kann dabei behilflich sein.“ Der Agilist fragte zur Sicherheit noch einmal nach: „Das heißt also, der Wechsel auf eine neue Stufe findet durch persönliche Anstöße statt, aber durch Training kann man gewisse Dinge vereinfachen?“ Der Mentalist nickte. „Genau. Und das ist eben das, was der Professor im Training hier tut. Er erklärt den Teilnehmern gewisse Denkweisen, die für die Aufgabe als Mediator hilfreich sind. Für diejenigen, die eine entsprechende Stufe der Ich-Entwicklung erreicht haben wird das nichts neues sein, weil sie die Welt schon von ganz alleine aus dieser Sichtweise sehen. Für alle anderen wird das ungewohnt und vielleicht schwierig sein, weil es ihrer Weltsicht vielleicht noch widerspricht. Aber schon das Bewusstsein darüber kann die nächsten Schritte vereinfachen.“

Systemische Stufe

Die Trainings-Sitzung war nun vorüber und die Teilnehmer hatten alle den Raum verlassen. Der Mentalist ging mit dem Agilisten im Schlepptau die Stufen des Hörsaals hinab und begrüßte am Rednerpult seinen alten Bekannten, den Professor. Nachdem er den Agilisten vorgestellt hatte und von ihren Entdeckungen des bisherigen Tages erzählt hatte, bat der Mentalist den Professor, etwas über die achte Stufe der Ich-Entwicklung zu erzählen.

„Ja, ich sehe Ihr Problem“, schmunzelte der Professor. „Studien zufolge befinden sich nur ungefähr 4% der Erwachsenen in der systemischen Stufe. Zusammen mit dem einen Prozent der Erwachsenen, die diese Stufe sogar hinter sich gelassen haben, kommen wir nur auf 5%. Da fällt es schon etwas schwerer, diese Stufe in freier Wildbahn deutlich zu sehen.“ An den Agilisten gewandt fuhr er fort: „Sie haben gerade in der Übungsrunde bemerkt, dass es fast allen Personen noch recht schwer gefallen ist, wirklich alle Perspektiven einfließen zu lassen und Beziehungen systemisch zu erfassen. In der systemischen Phase gelingt dies den Personen zunehmend leichter. Zudem zeichnet sich diese Stufe durch eine sehr hohe Toleranz für Mehrdeutigkeit aus. Wissen Sie, die meisten Menschen versuchen Mehrdeutigkeit zu vermeiden, weil sie Stress verursacht. Einem Menschen in der systemischen Phase oder darüber macht dies nichts mehr aus. Er akzeptiert diese Mehrdeutigkeit und kann sie in sein Denken und Handeln integrieren.“

Der Mentalist konnte sehen, wie der Agilist nachdachte und schließlich sagte: „Ich glaube tatsächlich, ich kenne jemanden, der diese Stufe erreicht hat. Ich hatte mal einen Chef, der wirklich alle Meinungen respektiert hat und sehr bedacht darauf war, jedem Mitarbeiter einen sehr großen Handlungsraum zu überlassen. Darüber hinaus war er aber auch sehr selbstkritisch und hat sich sehr stark persönlich fortgebildet. Das hört sich doch ganz nach dieser Stufe an, oder?“ Der Professor stimmte zu. „Ja, das passt ziemlich gut. Eine hohe Motivation sich weiter zu entwickeln ist ebenso charakteristisch für diese Stufe, wie die Aussöhnung mit eigenen als negativ erlebten Anteilen.“

Integrierte Stufe

„Sie haben noch von einem Prozent gesprochen, das sogar weiter ist als diese Stufe. Was kommt denn nach der systemischen Stufe?“ wollte der Agilist jetzt wissen. Der Professor antwortete: „Es gibt eine neunte Stufe, die auch die integrierte Stufe genannt wird. Nur sehr wenige Menschen erreichen diese Stufe jemals. Sie ist charakterisiert durch eine sehr hohe Selbstaktualisierungstendenz. Alle gemachten Erfahrungen werden ständig neu bewertet und einsortiert. Es gibt auch kein explizites Werte- oder Praktikensystem mehr. Das ist schwer zu greifen, denn das heißt keinesfalls, dass diese Personen wankelmütig oder ein Fähnlein im Wind sind. Vielmehr handeln sie aus ihrer eigenen Ethik. Die Integration von Paradoxien stellt dementsprechend überhaupt kein Problem mehr da.“ Der Agilist dachte darüber nach. „Das hört sich wirklich sehr fortgeschritten und sehr schwierig an.“ Wieder stimmte der Professor zu.

Fliessende Stufe

„Und um das Ganze noch zu toppen“, fuhr der Professor fort, „wird in manchen Kreisen auch über eine zehnte Stufe gesprochen. Das Modell ist ja sehr konstruktivistisch und so sieht man es auch nach oben hin offen an. Die zehnte Stufe ist die momentan höchste Stufe, die in der Literatur zu finden ist.“ „Und wie sieht diese potentielle zehnte Stufe aus?“ wollte der Agilist wissen. „Jemand, der die fließende Stufe erreicht hat, hat das Bedürfnis Dinge und Personen zu bewerten komplett aufgegeben. Er ist verschmolzen mit der Welt und lässt sich voll auf den Fluss der Dinge ein. So jemand kann problemlos in verschiedene Bewusstseinszustände übergehen. Zudem akzeptiert er die Andersartikgeit von Menschen, wie sie sind.“ Der Agilist dachte nach. „Das hört sich ein wenig wie Meister Yoda an“, lachte der Agilist und die anderen beiden stimmten ein.

Auf dem Heimweg…

Die beiden Freunde hatten sich auf den Weg nach Hause gemacht und sprachen noch ein wenig über die Ereignisse des langen Tages. „Nun, zumindest ist mir jetzt klar geworden, warum ich in meiner Diskussion gestern einfach nicht weitergekommen bin“, sagte der Agilist. „Nach allem was ich heute gelernt habe, würde ich sagen, dass mein Gesprächspartner die Welt aus der rationalen Stufe betrachtet und einfach Probleme damit hat, die Dinge aus mehreren Perspektiven zu betrachten.“ Der Mentalist nickte. „Das ist es, was ich gestern gemeint habe“, sagte er. Der Agilist dachte nach und einen Moment später wandte er sich an seinen Freund. „Was ich heute gelernt habe war sehr spannend und ich glaube es hilft mir richtig weiter, um ein Verständnis für andere Menschen und deren Verhalten zu entwickeln. Aber ich es wirft auch die ein oder andere bedeutende Frage in mir auf.“ „Und die wäre?“ fragte der Mentalist. „Nach alldem, was ich gelernt habe, stelle ich mir die Frage, ob es nicht für die erfolgreiche Ausführung gewisser Tätigkeiten, wie zum Beispiel der Führung eines Unternehmens, gewisser Stufen der Ich-Entwicklung bedarf. Besonders in der aktuellen Diskussion um Agile Führung oder Agile Leadership.“ Der Mentalist dachte kurz darüber nach, dann zog er einen Zettel aus der Jackentasche, zückte den Kugelschreiber, notierte etwas auf dem Papier, faltete es zusammen und überreichte es seinem Freund. Dann fügte er in geheimnisvollen Ton hinzu: „Sei zu besagtem Termin an besagtem Ort und bringe genug Zeit mit, dann wirst du die Antwort bekommen.“

Die Notizen des Agilisten (klicken zum Vergrößern):

Vorkonventionelle StufenKonventionelle StufenPostkonventionelle Stufen

Für alle Interessierten zum Weiterlesen:

http://www.i-e-profil.de/Ich-Entwicklung/Ich-Entwicklungsstufen,7,de.html

http://de.spiritualwiki.org/wiki/stufenmodelle

https://en.wikipedia.org/wiki/Loevinger%27s_stages_of_ego_development

https://de.wikipedia.org/wiki/Ich-Entwicklung

 

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