Starres und dynamisches Mindset: Warum Talente vor schweren Aufgaben zurückschrecken

Es war ein schöner, sonniger Tag im Mai. Der Agilist und der Mentalist machten gemeinsam Mittagspause in einem Park ganz in der Nähe ihres Büros. Während sie ganz entspannt auf einer Parkbank saßen, beobachteten sie ein paar spielende Kinder und deren Eltern auf einem nahegelegenen Spielplatz. Soeben hatte sich eine interessante Szene an einem Klettergerüst abgespielt.

Ein kleiner Junge war ganz ohne Hilfe des fürsorglichen Vaters bis an die Spitze des Kletterturms gelangt. Der stolze Papa lobte den Kleinen überschwänglich: „Was bist du nur für ein guter Kletterer. So gut wie du klettert kaum ein anderes Kind an diesem Klettergerüst.“ Der Junge war sichtlich begeistert und sprang in die Arme seines Vaters. Kaum war diese Seite des Klettergerüstes frei, begann ein kleines Mädchen sich den Weg nach oben zu kämpfen. Der Agilist sah, dass es deutlich mehr kämpfen musste, als der kleine Junge, der zuvor nach oben geklettert war. Ein paar Mal hatte der Agilist sogar etwas Angst, dass das Mädchen hinabfallen würde. Aber am Ende hatte auch das kleine Mädchen den Aufstieg geschafft und winkte von der Spitze. Natürlich war auch die Mutter des Mädchens voll des Lobes: „Mensch, du hast dich aber wirklich bemerkenswert nach oben gekämpft. Da hast du echt gut durchgehalten. Super!“

Nur wenig später, der Agilist und der Mentalist wollten soeben zurück ins Büro gehen, da kam diese Szene zu einem zweiten Akt. An einer anderen Stelle des Klettergerüsts stand der kleine Junge mit seinem Vater. Die Handgriffe hier waren rot angemalt. „Das bedeutet, dass der Weg der schwierigste nach oben ist“, erklärte der Vater seinem Sohn. Der Junge sah ehrfurchtsvoll nach oben. „Na los, trau dich“, forderte der stolze Vater auf. „So ein toller Kletterer wie du, der wird das schon schaffen.“ Der Junge druckste ein wenig herum, und der Agilist konnte deutlich erkennen, dass er sich nicht wohlfühlte. Er fragte sich, warum der Junge nicht einfach den Aufstieg wagte. Er war vorher doch wirklich sehr gut geklettert. Das würde er sich auch schaffen. Doch der Junge druckste noch ein paar Augenblicke herum und führte seinen Vater dann zurück zu einer anderen Stelle des Klettergerüsts, das deutlich einfacher zu besteigen war. Als der Agilist noch verwundert war, warum schließlich zu einem so leichten Abschnitt zurückgekehrt war, der eigentlich keine wirkliche Herausforderung mehr für ihn darstellte, kam das kleine Mädchen mit seiner Mutter herbei. Es stellte sich vor die roten Handgriffe des Klettergerüsts und sah nach oben. Dann, ganz unvermittelt, setzte es einen Fuß auf das Spielgerät und versuchte sich an dem schweren Aufstieg.

„Na los, alter Freund“, riss der Mentalist ihn aus seinen Gedanken. „Wir haben gleich einen Termin. Wir sollten langsam zusehen, dass wir zurück ins Büro gelangen.“ Der Agilist nickte stumm und folgte seinem Freund aus dem Park hinaus. „Worüber denkst du nach?“ fragte der Mentalist, als sie ein paar Schritte gegangen waren. „Nun“, antwortete sein Freund, „ich denke über die beiden Kinder nach. Ich fand es sehr verwirrend, dass der kleine Junge nicht den roten Pfad am Klettergerüst ausprobiert hat. Wohingegen das Mädchen, das viel mehr kämpfen musste im ersten Abschnitt, sehr mutig genau diesen Weg gewählt hat.“ „Warum wundert dich das“, fragte der Mentalist. „Na ja, ich hätte gesagt, dass eigentlich der Junge ein besserer Kletterer ist. Trotzdem ist er lieber einen leichten Weg gegangen. Mich hat das an den ein oder anderen Kollegen von mir erinnert. Ich kenne solche Menschen, die auch im Erwachsenenalter eine gewisse Scheu vor den neuen und herausfordernden Aufgaben haben. Sie nehmen lieber die sichere Variante, die sie ziemlich sicher auch bewältigen werden. Dabei sind das Topleute, die viel mehr durch die anderen Arbeiten bewegen könnten.“ Der Mentalist schmunzelte. „Tja, wahrscheinlich sind sie als Kinder auch einfach nur ungünstig gelobt worden“, warf er ein. „Ungünstig gelobt?“ wiederholte der Agilist fragend. „Klar, ist dir nicht aufgefallen, dass die beiden Kinder ganz unterschiedlich von ihren Eltern gelobt wurden, nachdem sie die Spitze erreicht hatten?“ Der Agilist dachte nach. „Hmm, jetzt wo ich darüber nachdenke… Der Junge wurde von seinem Vater als guter Kletterer bezeichnet. Das Mädchen wurde dafür gelobt, dass es so gut durchgehalten hat. Meinst du das?“ Der Mentalist nickte. „Genau.“ „Und was genau ist der Unterschied?“ wollte der Agilist nun wissen. „Ganz einfach. Das Lob des Vaters drückt eine gewisse Art der Sichtweise auf die Dinge aus. Der Junge wird als guter Kletterer bezeichnet. Beim Kind kommt also an ‚Aha, so einer bin ich also, ein guter Kletterer.‘ Dinge sind so wie sie sind, und Menschen eben auch. So eine Sicht der Dinge bezeichnet man auch als starres Mindset. Und für den Jungen entsteht nun ein gewisser Druck. Sein Vater hält ihn für einen guten Kletterer. Wenn er nun also beim Aufstieg auf dem schwierigen Pfad versagt, was sagt das dann über ihn aus?“ „Hmm, in der Sicht des Jungen wahrscheinlich, dass er ein schlechter Kletterer ist und seinen Vater enttäuscht hat.“ „Exakt“, stimmte der Mentalist zu. „Das Mädchen hingegen wurde auf eine andere Art und Weise gelobt.“ „Du meinst, dass es eher für seine Art und Weise durchzuhalten und zu kämpfen gelobt wurde, richtig?“ „Genau. Hier wurde der Prozess und die Ausführung in den Mittelpunkt gerückt. Die Anstrengung ist gelobt worden. Dies ist eher der Ausdruck eines dynamischen Mindset, das eine Einstellung ausdrückt, die davon ausgeht, dass so ziemlich alles veränderbar und beeinflussbar ist. Und somit kann das Mädchen beim Aufstieg auch scheitern und ist sich trotzdem der Anerkennung gewiß, denn es wird wieder kämpfen und sich anstrengen.“ „Ich verstehe“, sagte der Agilist. „Das könnte auch die Erklärung für das Verhalten meiner Kollegen sein“. „Ja, gut möglich“, bestätigte der Mentalist. „Zumindest gibt es Studien, die genau dafür sprechen. Kinder, die für ihre Eigenschaften gelobt werden, tendieren dazu, eher leichtere Aufgaben zu wählen um nicht zu versagen, während Kinder, die für die aufgebotene Anstrengung gelobt werden, sich tendenziell eher schwierige Folgeaufgaben auswählen. Zudem begünstigt die erstere Art zu Loben auch die Entstehung eines statischen Mindset bei den Kindern.“

Mittlerweile waren die beiden Freunde wieder am Bürogebäude angelangt. „Vielen Dank für die interessanten Einblicke“, sagte der Agilist. „Ich werde ab jetzt genauer darauf achten, wie ich meine Kinder lobe. Und natürlich auch, wie ich meine Kollegen lobe, denn auch darauf hat das ja einen Einfluss.“ Der Mentalist lachte. „Ja, allerdings. Loben ist wichtig, auch für Erwachsene. Aber darüber sollten wir uns ein anderes Mal noch mal ausführlicher unterhalten, wenn wir etwas mehr Zeit haben.“

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