Der Dunning-Kruger Effekt: Die Schildkröte erklärt dem Adler das Fliegen

Der Agilist nahm den Neuen zur Seite und sagte vorsichtig: „Weißt du, bevor du die Arbeit der anderen so kritisierst, solltest du dich vielleicht erst mal intensiver mit dir selbst beschäftigen. Du bist jetzt erst seit einer Woche dabei und stellst alles gleich so stark in Frage.“ „Ja, aber klar doch“, antwortete der Neue mit selbstbewusster Stimme, „das ist ja auch alles ziemlich zusammengeschustert, was die da abliefern. Ich habe doch beim Studium gelernt, wie das auszusehen hat. Und es ist doch wirklich nicht zu schwer das einfach umzusetzen. Ich habe das einfach besser drauf als sie. Aber das ist ja nicht schlimm, das schaffen wir schon gemeinsam.“ Mit einem Kopfschütteln, das der Agilist nicht gerade als Zustimmung zu seinen Ausführungen betrachten konnte, verabschiedete sich der Neue und ging in die Mittagspause.

Als wenige Minuten später der Agilist seinen Freund, den Mentalisten beim Mittagessen traf, berichtete er von dem Gespräch. „Der Neue ist echt nett und passt super ins Team“, sagte er, „aber er scheint sich selbst wirklich extrem zu überschätzen. Ständig kritisiert er die Arbeit der anderen. Und das, obwohl es seine erste Anstellung nach der Uni ist und seine Arbeit auch nicht überragend ist. Im Gegenteil, die anderen sind ihm noch deutlich voraus, aber er will das einfach nicht einsehen.“ Der Mentalist hörte gespannt zu. „Ich habe ihn auch schon gebeten, seine Leistung einzuschätzen. Er sagte, dass er natürlich nicht perfekt sei, aber so auf einer acht sieht er sich schon. Den Rest des Teams sah er eher bei einer sechs.“ „Und“, fragte der Mentalist, „ist das deiner Meinung nach realistisch?“ Der Agilist schüttelte vehement den Kopf. „Nein, eher umgekehrt. Ich würde seine Leistungen eher auf einer sechs sehen und den Rest des Teams auf der acht. Aber jede Diskussion in dieser Richtung bringt rein gar nichts.“ „Hmm, hört sich ganz nach Dunning-Kruger an“, sagte der Mentalist mit einem verschwörerischen Lächeln auf den Lippen. „Dunning was?“, fragte der Agilist. „Der Dunning-Kruger Effekt, lieber Agilist“, wiederholte der Mentalist. „Hast du noch nie davon gehört?“ Der Agilist schüttelte den Kopf.

„Was besagt denn dieser Dunning-Kruger-Effekt“, fragte der Agilist nun interessiert. Der Mentalist erklärte: „Der Dunning-Kruger-Effekt besagt im Grunde, dass Menschen, die eher schwache Leistungen abliefern sehr viel stärker dazu tendieren, sich selbst zu überschätzen, als Menschen mit stärkeren Leistungen. In mehreren Experimenten konnten die beiden Forscher, von denen der Effekt seinen Namen hat, zeigen, dass diejenigen, die eher schwach bei gewissen Aufgaben abgeschnitten hatten, sich im Vergleich viel zu gut bewertet hatten. Gleichzeitig waren sie auch nicht in der Lage überlegene Fähigkeiten bei anderen Versuchspersonen zu erkennen.“ „Hmm“, sagte der Agilist, „das hört sich ganz nach dem Neuen an. Sowohl die Überschätzung der eigenen Leistung, als auch die Unfähigkeit, die Leistung der anderen entsprechend einzuschätzen. Er kommt total überheblich daher.“ Der Mentalist lachte. „Na ja, er ist damit aber nicht allein. Ein Vogel hat es halt einfacher Flugeigenschaften zu bewerten.“ Der Agilist sah ihn verwundert an. „Wie meinst du das?“ fragte er. „Nun, Dunning und Kruger haben herausgefunden, dass diese Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und die Unterschätzung der Leistung anderer eine systematische Verzerrung ist, die eben genau dann eintritt, wenn die eigene Kompetenz nicht hoch genug ist. Oder anders gesagt, woher soll eine Schildkröte beurteilen können, wie gut der Adler fliegen kann?“ „Hmm“, meinte der Agilist, „jetzt wo du das so sagst, verstehe ich so langsam worauf du hinaus willst. Bevor ich vor ein paar Jahren mit dem Fußballspielen angefangen habe, dachte ich mir auch immer, wenn ich ein Spiel im Fernsehen ansah, dass ich das sicherlich auch so gut hinbekommen würde die die Spieler im TV. Immerhin war ich ja mit einem riesigen Talent gesegnet, das hatten mir meine Freunde auf dem Schulhof immer gesagt. Als ich dann in einen Verein eingetreten bin und die ersten Spiele hinter mir hatte, wurde mir langsam klar, dass das wohl nichts mehr mit der Karriere als Fussballstar werden würde. Es war gar nicht so einfach, wie es ausgesehen und wie ich mir es vorgestellt hatte. Aber es hat seine Zeit gedauert, bis ich zu der Erkenntnis kam. Erst musste ich meine Erfahrungen auf dem Feld machen.“ Der Mentalist klopfte seinem Freund auf die Schultern und lachte. „Du als Fussballprofi, das wäre ja lustig geworden“, scherzte er. „Aber du hast einen wichtigen Aspekt erwähnt. Dunning und Kruger haben nämlich auch in Studien gezeigt, dass Kompetenzaufbau dazu führt, dass sowohl die eigene Leistung, als auch die Leistung der anderen besser eingeschätzt werden kann.“ „Ja, so wie bei mir, als ich mich mehr mit dem Fussballspiel auseinandergesetzt hatte und mehr Wissen und Kompetenz darüber aufgebaut habe.“ „Genau. Recht paradox hört sich auch die Beschreibung aus einem Experiment an, denn nachdem man mit Versuchspersonen, die ihr Ergebnis in einem Logiktest viel zu gut eingeschätzt hatten ein Logik-Training absolviert hatte, schnitten sie nicht nur viel besser ab, sondern sie schätzten sich auch noch schlechter aber realistischer ein. Also, obwohl sich die Kompetenz erhöht hat, wurde die Einschätzung schlechter.“ „Okay, also Kompetenzaufbau ist die Lösung?“ Der Mentalist nickte. „Nachdem Dunning und Kruger den Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und Kompetenz entdeckt hatten schlossen sie daraus, dass sie die Selbsterkenntnis erhöhen konnten, wenn sie die Kompetenz erhöhten. Dies konnten sie auch in einigen Versuchen nachweisen.“

Mittlerweile waren unsere Freunde wieder im Büro angelangt und die Mittagspause war zu Ende. „So, ich werde mir dann jetzt mal den Neuen greifen und mit ihm gegen den Dunning-Kruger-Effekt angehen“. „Viel Glück dabei“, lachte der Mentalist. „Eins allerdings will mir nicht in den Kopf“, sagte der Agilist. „Die ganzen Erkenntnisse von Dunning und Kruger hören sich so naheliegend an, da hätte ich auch selbst drauf kommen können, dafür muss man doch kein Wissenschaftler sein.“ Der Mentalist lachte laut los. Verdutzt sah der Agilist seinen Freund an, der sich den Bauch vor Lachen hielt. „Was ist denn daran so lustig?“ wollte er wissen. Mit Tränen in den Augen antwortete der Mentalist: „Ich habe nur gerade wieder einmal eine Schildkröte übers Fliegen reden hören“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.