Episode II – Die VUKA Welt

Was bisher geschah: Die Firma des Managers war in arger Bedrängnis. Nach einigen kleineren Kunden war zuletzt auch ihr größter und wichtigster Kunde zu der Konkurrenz des kleinen StartUps OneStart gewechselt. Von seiner Assistentin hatte der Manager eine Telefonnummer bekommen. Die letzte Hoffnung für sein Unternehmen ruhte auf diesem Kontakt…

Der Mentalist betrachtete den Manager interessiert. Dieser berichtete gerade in aller Ausführlichkeit von den Ereignissen, die sein Unternehmen bedrohten. In seinem Gesicht konnte der Mentalist eine Vielzahl an Emotionen erkennen. Hier wechselte sich Angst mit Wut ab, Scham mit Kampfgeist, Zuversicht mit Verzweiflung. Es war offensichtlich, dass hier etwas geschehen musste.

Der Manager beendete seine Schilderung der Umstände und fügte hinzu: „Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir waren die Nummer eins, und plötzlich, ohne Vorwarnung, sind wir ganz nah am Abgrund.“ Der Agilist nickte verständnisvoll. „Sie sind ein weiteres Opfer der VUKA-Welt“, erwiderte er. Der Manager sah ihn mit großen Augen an. „Der was?“ fragte er zurück. „Der VUKA-Welt“, wiederholte der Agilist. „Haben Sie noch nicht davon gehört?“ Der Manager schüttelte den Kopf.

„Sehen Sie“, begann der Agilist zu erklären, „die Welt um uns herum ist in einem ständigen Wandel. Und in den letzten Jahren nahm die Geschwindigkeit, mit der sich dieser Wandel vollzieht, koninuierlich zu. Heute finden wir ein komplett anderes Marktumfeld vor, als noch vor zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren. Ihre Marktführerschaft gründet sich auf Leistungen und Strukturen, die Sie vor Jahrzehnten erfolgreich gemacht haben. Aber die Welt um Sie herum hat sich verändert. Diese Veränderung haben Sie ignoriert. Das geht meist bis zu einem gewissen Zeitpunkt gut, aber nun hat die Realität Sie eingeholt.“ Der Manager nickte betroffen, dann fragte er: „Und was hat das mit dieser VUKA-Welt auf sich?“ „VUKA-Welt ist ein Begriff aus der Militärsprache, der die Veränderung in unserer Welt recht gut beschreibt. VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität.“

Volatilität

„Volatil bedeutet, dass die Welt eben nicht mehr so vorhersehbar ist, wie sie früher einmal war. Als noch ein Verkäufermarkt herrschte, bestimmte das Unternehmen, welches Produkt auf den Markt kam und die Käufer lebten damit. Wenn es eben nur schwarze Autos gab, dann kauften die Käufer eben schwarze Autos. Auch die Reaktionszeiten auf Informationen waren deutlich länger. Zu Beginn gab es ja nur Briefe, Telegramme und Telefone. Entscheidungen konnten an der Spitze der Unternehmen getroffen werden. Der Chef konnte noch alle Informationen in Ruhe sichten und dann vorausplanen. Aber mit dem technischen Fortschritt hat sich das alles sehr stark verändert. Der Markt wandelte sich mit zunehmender Konkurrenz in einen Käufermarkt. Die größere Auswahl setzte den Käufer in den Fahrersitz. Auch die neuen Technologien zur Kommunikation trugen ihren Teil bei. Das Internet und Emails veränderten nicht nur die Informationsdichte und die Geschwindigkeit, sondern auch die Marktverhältnisse. Plötzlich stand ein lokales Unternehmen in Konkurrenz mit Online-Händlern. All das führt zu nicht mehr vorhersehbaren Disruptionen auf dem Markt. Ein StartUp mit einer tollen Idee ist in der Lage, etablierten Unternehmen große Konkurrenz zu machen.“ Der Mentalist konnte bei diesen Worten deutlich sehen, wie der Manager schlucken musste und dann nachdenklich nickte. „Die Digitalisierung führt dazu, dass man viel flexibler auf Kundenwünsche und neue Produkte, Ideen und Strömungen auf dem Markt reagieren muss. Ich kann nicht mehr Zehnjahrespläne schmieden. Ich kann mich auch nicht mehr auf ein Produkt alleine und die Stabilität des Marktes verlassen. Das führt uns auch gleich schon zum nächsten Punkt.“

Unsicherheit

„Solche disruptiven Veränderungen führen natürlich zu großen Unsicherheiten“, fuhr der Agilist fort. „Die Menschen beginnen sich zu fragen, was eigentlich noch als stabil und sicher anzusehen ist und müssen sich eingestehen, dass da nicht mehr viel bleibt. Produkte, Geschäftsmodelle sogar ganze Berufe sind durch unvorhersehbare Veränderungen bedroht. Denken Sie nur an die Taxibranche, die durch politische Intervention vor dem Aussterben gerettet werden muss. Nur weil Uber mit einer schlauen Idee eine disruptive Veränderung in Gang gebracht hat. Gleiches gilt für viele andere Branchen. Und diese Unsicherheit zieht sich durch alle Jobgruppen. Sehen Sie sich nur die Internetseiten an, auf denen man sich ausrechnen lassen kann, wie wahrscheinlich sein eigener Job automatisiert werden kann. Disruptionen, die zu großen, ja vielleicht sogar gesellschaftlichen Veränderungen führen, sind heute ein großer Auslöser für die Unsicherheit.“

Komplexität

„Grund für diese Unsicherheit ist unter anderem die zunehmende Komplexität der Anforderungen“, fuhr der Agilist mit seiner Erklärung fort. „Wir sind nicht mehr in der Lage, eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu identifizieren. Die Aufgaben, denen wir uns gegenüber sehen, werden immer komplexer.“ „Ja, das stimmt. Wir haben auch immer kompliziertere Aufgaben zu lösen“, warf der Manager ein. Der Agilist schüttelte den Kopf. „Nein, komplexere Aufgaben. Achten Sie auf den Unterschied. Komplizierte Probleme haben einen klaren Wirkzusammenhang und lassen sich durch Wissen beherrschen. Wie zum Beispiel der Uhrmacher, der meine Uhr reparieren soll. Er öffnet die Uhr und sieht sich das Uhrwerk an. Mit seinem Wissen und seiner Erfahrung kann er ziemlich schnell das Problem identifizieren und es dann beheben. Die Uhr funktioniert wieder, weil der Uhrmacher genau weiß, welches Rädchen dafür verantwortlich ist, dass der Sekundenzeiger sich bewegt. Bei komplexen Problemen besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Und überall da, wo Menschen in ein System kommen, haben wir es eigentlich mit komplexen System zu tun. Wir können nicht sicher vorhersagen, wie sich Menschen verhalten. Der Verkäufer kann nicht ein bestimmtes Rädchen drehen, damit der Kunde das Auto kauft. Er muss anders vorgehen. Er benötigt Können, nicht Wissen. Hier kann ich auch meine Probleme nicht mehr durch langes analysieren lösen. Hier muss man sich mit kleinen Experimenten dem Problem annähern, Feedback generieren und sein Vorgehen anpassen.“ „Ich verstehe“, sagte der Manager, „ein ganz anderes Vorgehen. Jetzt wird mir klar, warum wir so oft Probleme bekommen haben. Wir waren in einem komplexen Umfeld, haben es aber nicht erkannt. Und wir haben unsere gelernten Problemlösestrategien darauf angewendet. Also Analyse, Planen, Liefern. Das ist schief gegangen, weil immer irgendetwas unvorhergesehenes dazwischen kam, mit dem wir überfordert waren.“ Der Mentalist war beeindruckt, wie zielsicher und selbstkritisch der Manager seine Lage reflektierte. 

Ambiguität

„Und was bedeutet Ambiguität in diesem Zusammenhang?“ wollte der Manager wissen. „Ambiguität bedeutet, dass die Informationen um uns herum Mehrdeutig sind. Sehen Sie, in der Zeit von Big Data stehen uns ja sämtliche Informationen zur Verfügung. Aber Information ohne Interpretation ist nicht besonders hilfreich für strategische Entscheidungen. Durch die Notwendigkeit zur Interpretation ist aber auch keine Eindeutigkeit mehr gegeben. Wir müssen damit leben, dass wir zu bestimmten Zeitpunkten Entscheidungen treffen müssen. Aber diese Entscheidungen können durchaus falsch sein, weil sie auf unseren Interpretationen beruhen.“

Der Manager wirkte sehr nachdenklich. „Ja, ich sehe, dass Sie Recht haben. Mir war diese VUKA-Welt bisher kein Begriff. Aber genau diese Dinge haben uns in die Situation gebracht, in der wir uns nun befinden. Aber sind wir nun zum Untergang verdammt oder besteht noch Hoffnung? Und was können wir tun, um mit dieser VUKA-Welt zurecht zu kommen?“ Der Agilist lächelte vielsagend. „Wir haben immer die Chance noch etwas zu verändern. Und es gibt gute Antworten auf die VUKA-Welt. Aber es wird eine Menge Arbeit sein, die vor uns liegt. Wollen Sie das wirklich angehen?“ Der Manager brauchte nicht lange, um zu überlegen. Entschlossen nickte er.

VUKA-Welt – Die Notizen des Managers

Fortsetzung folgt in Episode III – VUCA Prime

Bisher erschienen:

Episode I – Die Krise

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