Kodi und die trügerische Sicherheit

Der Agilist zögerte einen Moment. Da war sie wieder, die Frage, mit der er so häufig konfrontiert wurde. „Also, erklären Sie uns doch bitte noch einmal, warum wir unser bisheriges Vorgehen überdenken sollten“, forderte sein Gegenüber ihn auf. Dann ergänzte er in zufriedenem Tonfall: „Wie sie wissen, sind wir Marktführer mit einem Top-Produkt. Wir verdienen eine Menge Geld mit unserem Produkt. Und unsere Leute wissen genau was und wie sie zu arbeiten haben. Sie blicken auf eine ganze Menge Erfahrung zurück. Wir wären ja verrückt, wenn wir da über Veränderung nachdenken würden. Never change a winning team.“ Der Agilist kannte diese Einstellung sehr gut. Er war ihr schon häufig begegnet. Besonders in Unternehmen, denen es gut ging. Er nahm tief Luft, dann sagte er mit ruhiger Stimme: „Also gut, ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen. Hören sie gut zu.“ Dann begann er zu erzählen.

„Lassen sie mich ihnen Kodi vorstellen. Kodi ist ein Truthahn, der auf einer Farm geboren und aufgewachsen ist. Kodi fühlte sich als der glücklichste Truthahn auf der ganzen weiten Welt. Es ging ihm hervorragend. Er hatte seine Freunde, die anderen Tiere um sich herum, mit denen er täglich spielen konnte. Besonders mochte er das Schwein und die Kuh auf der kleinen Farm. Mit ihnen spielte er besonders häufig. Aber das allerbeste an seinem Leben war der nette Mann, der jeden Tag zu ihm kam und ihm etwas zu Essen brachte. Einfach so. In Kodis Kopf sagten sein innere Abteilung für Risikobetrachtung ebenso wie seine Finanzabteilung, dass dies das absolute Paradies sein musste, und dass der nette Mann ihn wirklich lieben musste. Schließlich kam er jeden Tag pünktlich und fütterte Kodi.

So zogen die Tage und Wochen und Monate ins Land. Kodi wuchs und wurde größer. Eines Tages machte er eine schreckliche Entdeckung. Sein guter Freund, das Schwein war nicht mehr aufzufinden. So sehr Kodi auch suchte, er konnte es nicht auffinden. Für einen Augenblick bekam er es mit der Angst zu tun. Die Kuh hatte zu ihm gesagt, dass sie ebenfalls ein wenig Angst habe, dass sie eines Tages einfach so verschwinden würde. Dann aber meldete sich die Risiko-Abteilung in Kodis Kopf wieder zu Wort. Er solle vernünftig sein. Er habe nichts zu befürchten. Schließlich kam der nette Mann weiterhin jeden Tag und fütterte ihn. Das konnte nur bedeuten, dass er ihn liebte. Also beruhigte sich Kodi wieder. Er hörte einfach nicht mehr auf die paranoiden Gedanken seiner guten Freundin, der Kuh, und ging ihr aus dem Weg. Er brauchte keine Angst zu haben. Er war ein Truthahn und er wurde geliebt. Was sollte passieren?

Immerhin hatte sich die letzten 1000 Tage immer das gleiche abgespielt. Jeden Tag, so zuverlässig wie die Sonne aufging, kam der nette Mann und fütterte Kodi. Und mit jedem Tag, an dem sich dies wiederholte bestätigte sich Kodis Erwartung, dass der Mann ihn liebte und wiederkommen und ihn füttern würde. Und diese Sicherheit war am größten an jenem Tag, als Kodi eine unangenehme Überraschung erlebte. Es war kurz vor Thanksgiving und der nette Mann kam wie jeden Tag. Allerdings hatte er dieses Mal keinen Eimer mit dem leckeren Futter dabei, sondern ein Schlachtermesser. Und ehe Kodi sich versah, endete er auf dem Ehrenplatz auf dem Essenstisch der Familie.

Für den armen Kodi war es unmöglich, aus seiner Sicht, diese Geschehnisse vorherzusagen. Alles was er sah, hat ihn nur in seiner Annahme bestätigt. Gegenteilige Vermutungen, wie das paranoide Gerede der Kuh, tat er als Unsinn ab. Er wusste ja schließlich aus der Vergangenheit, dass der nette Mann wiederkommen würde. Am Ende hat eine disruptive Veränderung, die er einfach nicht erwartet hatte, sein ganzes Weltbild unvermittelt auf den Kopf gestellt.“

Der Agilist machte eine bedächtige Pause und sah in die Runde. Dann fuhr er fort:

„So wie dem armen Kodi ist es auch schon einigen großen und erfolgreichen Unternehmen ergangen. Sie haben sich zu sehr auf ihre Vergangenheit und ihre bisherigen Erfolge verlassen. Dabei haben sie vergessen, auf die Veränderungen um sie herum zu achten oder haben das abgetan. Und eines Tages stand der Markt mit dem disruptiven Schlachtermesser vor ihnen. Denken sie nur an Kodak. Vor einigen Jahren war Kodak noch Marktführer, was Filme für die analoge Fotografie anging. Sie waren weltweit erfolgreich. Und nicht nur das. Sie waren auch noch sehr innovativ. Was kaum jemand weiß ist, dass Kodak eine der ersten Digitalkameras entwickelt hat. Allerdings sind sie dann in die Truthahn-Rolle verfallen. Sie haben sich nicht getraut, die Digitalkamera auf den Markt zu bringen. Sie hatten zu viel Angst, dass sie damit ihr goldenes Ei, die Filme, beschädigen würden. Aber sie machten sich nicht viele Sorgen, da sie sich auch nicht wirklich vorstellen konnten, dass jemand ditigale Fotografie tatsächlich der Analogen vorziehen würde. Nun, heutzutage ist Kodak nur noch ein Schatten dessen, was man einst war. Der Markt hat das Schlachtermesser ausgepackt.

Ähnlich erging es auch Nokia vor einigen Jahren. Damals beherrschte Nokia den Markt für Mobiltelefone. Sie waren außerordentlich erfolgreich. Dann stellte Apple das erste iPhone vor. Nokia lachte nur darüber. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das Erfolg haben würde. Ein Telefon ohne Tasten. Doch die Geschichte zeigt, wer letztendlich zuletzt lachen durfte. Während das iPhone einen Siegeszug antrat, kämpfte Nokia ums blanke Überleben.

Oder denken Sie an die vielen Versandhändler, die vor einigen Jahren noch dicke Papierkataloge an die Haushalte schickten. Die meisten von ihnen, wie Quelle oder Neckermann sind auf dem Esstisch des Marktes gelandet. Nur die wenigen, die früh genug auf die Veränderung reagiert haben und sich angepasst haben sind noch im Rennen.“

„Schon gut, ich habe verstanden“, hörte der Agilist sein Gegenüber leise sagen. „Sie haben ja Recht. Es ist nur, … Wir fühlen uns sicher mit dem was wir tun, und wir haben Erfolg. Ich sehe ein, dass wir nicht davon ausgehen dürfen, dass wir auch morgen noch erfolgreich sein werden. Wir werden unser Vorgehen und unsere Arbeitsweisen überdenken müssen. Aber es fühlt sich so übermächtig und unbekannt an…“ Der Agilist nickte verständnisvoll. „Das ist der Punkt, wo sie ihre Komfortzone verlassen und sich auf neues Gebiet wagen. Und um sie dort nicht alleine zu lassen, sind wir hier.“ „Alles klar“, lächelte sein Gegenüber, „lassen sie uns anfangen! Es gibt viel zu tun.“

(Die Geschichte vom Truthahn hat der Agilist übrigens von Nassim Nicholas Taleb, dessen Bücher der Agilist und der Mentalist an dieser Stelle sehr empfehlen)

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