Episode I – Die Krise

Der Manager sah etwas verzweifelt aus. Na ja, verzweifelt wäre sogar untertrieben. Ihm standen die Schweißperlen auf der Stirn. Irgendwie hätte das ganz anders laufen sollen. Er hatte dieses Unternehmen übernommen als es klarer Marktführer war. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Nein, ganz bestimmt nicht. „Aber, aber, …“, stammelte er in sein Mobiltelefon, dann verstummte er. Nach einer Weile murmelte er ein paar Worte der Verabschiedung in sein Smartphone und legte auf. Diese Schlacht hatte er verloren. Auch diese!

Wenig später rief er seine Führungskräfte zu sich. Sie sollten alle erfahren, was ihm gerade so einen Stich versetzt hatte. Der große Besprechungsraum füllte sich schleppend. Die letzten trudelten ein, als die Besprechung eigentlich schon seit sieben Minuten laufen sollte. Sein Nervenkostüm war bis aufs äußerste gespannt. Dann eröffnete er die Krisensitzung, die das Ende einer Ära einläuten würde.

„Meine Damen und Herren“, startete er. „Sie wundern sich vielleicht, warum ich sie so spontan hier versammelt habe.“ Ein zustimmendes Raunen ging durch den Besprechungsraum. Der Manager machte eine Pause. Wahrscheinlich würde jeder Denken, diese Pause sei ein Kunstgriff um die Dramaturgie zu steigern, dachte der Manager bei sich, doch die schlichte Wahrheit war, er musste sich sammeln und zusammenreißen und die richtigen Worte finden. „Wir stehen vor einer großen Herausforderung“, begann er. Beim Blick in die Gesichter der Anwesenden sah er, dass sie so einen Redebeginn schon häufig genug gehört hatten. Sie mussten die ganze Tragweite des Problems erfahren und wirklich verstehen. Wieder machte er eine Pause. Dann zog er sein Jacket aus, legte die Krawatte auf den Tisch und nahm einen großen Schluck aus dem Wasserglas vor ihm. „Meine Damen und Herren, ich sag es einfach, wie es ist. Wir sind am Arsch!“ Große Augen und offene Münder sahen ihm entgegen. Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit. „Unser größter und längster Kunde hat mir soeben mitgeteilt, dass er den auslaufenden Vertrag nicht wie erwartet und gewohnt verlängern wird.“ Ein erschrecktes Raunen ging durch die Anwesenden. Den Ausmaßen dieser Enthüllung waren sich alle bewusst.

„Wie sie alle wissen, haben wir unsere komplette Hoffnung auf den Kunden gesetzt, aber auch er wird uns den Rücken kehren!“ Betretenes Schweigen im ganzen Rund. Alle wussten, was das bedeutete. Der Kunde war Marktführer, Benchmark. Alle anderen schauten auf ihn. Wenn er sie verließ, dann würde die Welle noch viel größer werden.  „Wie konnte das passieren?“ fragte Herr Müller, einer der Abteilungsleiter. „Ich wette, sie wechseln auch zu OneStart“, meinte Frau Schmitz, ebenfalls Abteilungsleiterin. Der Manager nickte betroffen. Sie hatte Recht. Sie hatte sowas von Recht!

Sie hatten es alle nicht wahrhaben wollen. Schon als einige der kleineren Kunden abgesprungen und sich diesem neuen Startup „OneStart“ zugewandt hatten. Damals hatten sie noch gelacht. „Das wird nicht lange gut gehen“ und „die werden schon sehen, was sie davon haben und kommen dann wieder angekrochen“, waren die ersten Einschätzungen. Doch das Startup hatte sie überrascht. Die Kunden schienen zufrieden, auch wenn das angebotene Produkt und die Dienstleistungen zu Beginn noch nicht annähernd als Konkurrenz wahrgenommen wurde und mithalten hätte können. Doch das Startup lernte schnell. Verdammt schnell. Und die Kunden hatten scheinbar vom ersten Moment an mehr Vertrauen in den neuen, innovativen Ansatz, als in das etablierte Produkt aus dem Unternehmen des Managers. Und dann gingen immer mehr Kunden zu OneStart und verlängerten die auslaufenden Verträge nicht mehr. Niemand hatte erwartet, dass das eigene Produkt, das seit Jahren führend war und die eigenen Services, mit all der Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte, plötzlich so dermaßen auf dem Abstellgleis stehen würden. Und nun, da die schreckliche Gewissheit da war, sich der größte Kunde mit seinen millionenschweren Aufträgen abgewandt hatte, da war die Verzweiflung zum Greifen.

Die große Cashcow war ausgeblutet, eine neue noch nicht in Sicht. Die anderen Produkte waren allenfalls in Nischen vertreten und wurden ihrerseits auch immer stärker durch die Konkurrenz bedroht. Und die eigene Entwicklungs- und Innovationsabteilung schien im Dornröschenschlaf zu liegen. Es musste dringend etwas passieren, sonst konnte man sich bald in die Reihen der Nokias, Kodaks und Co. einreihen. Das war dem Manager schmerzlich bewusst.

Nach der Krisensitzung, die leider ohne klares Ergebnis endete, wie so häufig in letzter Zeit, zog sich der Manager in sein Büro zurück. Er musste nachdenken. Plötzlich wurde er durch ein Klopfen an die Tür aus seinen düsteren Gedanken gerissen. Anita stand in der Tür und brachte ihm eine Tasse Kaffee und ein paar Kekse. Sie war immer so aufmerksam und konnte scheinbar Gedanken lesen. „Sie sehen unglaublich gestresst aus. Hat das etwas mit dem Termin heute morgen zu tun?“ Sie war extrem aufgeweckt und würde mit ihrer hervorragenden Vernetzung eh bald wissen, was vor sich ging, also erzählte er ihr von dem Super GAU. Auch seine Ratlosigkeit verschwieg er ihr nicht, sie würde sein Vertrauen nicht missbrauchen, das wusste er. Anita hörte sich alles aufmerksam an. Dann lächelte sie kurz. Sie griff kurz zu einem Notizblock und einem Stift, kritzelte etwas auf den Zettel und reichte ihn dann dem Manager. „Sie sollten meinen Bruder anrufen“, sagte sie ihm mit einem Lächeln. „Ich denke, wir benötigen Hilfe!“. Mit diesen Worten lud sie die geleerte Kaffeetasse wieder auf ihr Tablett und verließ den Raum.

Der Manager betrachtete den Zettel zwischen seinen Fingern. Wahrscheinlich hatte Anita Recht. Alleine hatten sie es in den letzten sechs Monaten nicht geschafft den Trend aufzuhalten, und nun hatten sie Gewissheit, dass sie ein Auslaufmodell waren. Er würde einige Leute entlassen müssen, vielleicht sogar alle. Es sei denn, sie würden noch irgendwie die Lage retten können. Nur hatte er leider keine Ahnung wie. Wieder betrachtete er den Zettel. Dann griff er zum Hörer und wählte die Nummer, die seine Assistentin ihm aufgeschrieben hatte. Er hörte das Freizeichen am anderen Ende der Leitung, dann machte es klick und eine Stimme meldete sich: „Beratung Mentagilist. Mein Name ist Mentalist, was kann ich für sie tun?“

Fortsetzung folgt in Episode II – Die VUKA Welt

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