Organisation im Wandel der Zeit II

Teil II – Leben und Tod

Was bisher geschah…

In der letzten Episode haben unsere Freunde zusammen mit Professor Gold-Braun in seinem zur Zeitmaschine umgebauten Auto einen Ausflug in die Geburtsstunde der Organisationen unternommen. Dabei haben sie das reaktive und das magische Paradigma kennengelernt. Leider fing es dann an zu regnen und der sonderbare Professor beendete den Ausflug an diesem Punkt, sehr zum Verdruss des Agilisten. Aber bevor sie sich trennten, hatte der Professor den Freunden versprochen, dass sie sich bald wiedersehen sollten…

10.000 Jahre vor unserer Zeit

Dem Agilist schien, als könne er sein Herz bis in seine Zehen schlagen fühlen, so aufgeregt war er. Er saß wieder auf der viel zu engen Rückbank des Sportwagens. Professor Gold-Braun saß am Steuer und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Auf dem dem Beifahrersitz hielt sich der Mentalist krampfhaft am Türgriff fest. Das große Display in der Mitte des Armaturenbretts zeigte eine große 10.000 an, mit dem kleinen Zusatz „v.Chr.“. Die Bäume am Straßenrand rasten am Agilisten vorbei, bis sich schließlich in einem grellen Blitz die Außenwelt verlor.

Nur wenig später hatten die drei Reisenden den Wagen unter einer Tarnplane in einem Gestrüpp versteckt. Zuvor hatte Professor Gold-Braun ihnen noch merkwürdige Gewänder gegeben, in die sie sich kleideten. Eine ganze Zeit lang wanderten sie schweigend nebeneinander her, bis sie schließlich an eine Bergkuppe kamen. „Hier, nehmt das“, sagte der Professor und hielt seine Hand auf. Darin befanden sich drei kleine Pillen. „Was ist das?“ fragte der Agilist. „Ihr müsst nicht zu viel wissen“, sagte der Professor, „aber diese Pillen ermöglichen es euch, für eine bestimmte Zeit jede erdenkliche Sprache zu verstehen und selbst zu sprechen. Das wird uns helfen, da wo wir hingehen“. Die beiden Freunde musterten die Pillen skeptisch, dann jedoch taten sie es dem Professor gleich und schluckten sie. Sie traten über die Bergkuppe und der Agilist konnte in der Ferne ein großes Lager erkennen.

Schon kurz darauf befanden sie sich inmitten des Lagers unter Menschen, die alle ziemlich aufgeregt durcheinander liefen und kaum Notiz von den fremden Besuchern nahmen. Was wohl auch an den Kleidern lag, die der Professor ihnen gegeben hatte, denn sie waren kaum von den anderen Menschen im Lager zu unterscheiden. Der Agilist konnte die Anspannung der Menschen geradezu spüren. Fasziniert vom Geschehen um ihn herum passte er kurzzeitig nicht auf und stieß mit einem der Männer zusammen, der ihren Weg kreuzte. „Verdammter Hund, pass doch auf!“ schnauzte der Mann ihn harsch an. „Verzeihung“, sagte der Agilist, und war von der Wirkung der merkwürdigen Pille des Professors äußerst überrascht. „Nur ein Feigling bittet um Verzeihung“, herrschte ihn der Mann an. „Sei froh, dass der Feind nur wenige Stunden entfernt ist und wir jeden Mann brauchen, sonst wärst du jetzt Futter für die Aasfresser. Aber ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dir Wurm zu beschäftigen.“ Der Mann würdigte den Agilisten keines weiteren Blickes und eilte weiter. Verwirrt und leicht verängstigt sah der Agilist seine Freunde an. Der Professor erklärte: „Die Menschen in dieser Zeit sahen die Welt aus dem sogenannten impulsiven Paradigma. Was hier zählte war Stärke und Widerstandsfähigkeit.“ „Nur die Harten kommen in den Garten“, scherzte der Mentalist und wie zur Bestätigung sahen sie keine zwanzig Meter von ihnen entfernt einen muskelbepackten Mann, der einen anderen brutal niederschlug. Kurz darauf bestieg dieser Mann einen kleinen Hügel, der sich wie ein Podest in der Mitte des Lagers erhob. Wie eine Schar Wölfe versammelten sich die anderen Männer um diesen Hügel. Als der Muskelberg seine Stimme erhob, verstummten alle, die sich um ihn versammelt hatten. Unsere Freunde hörten gespannt zu.

Eine Frage der Autorität

„Tapfere Krieger“, donnerte der Hüne los, „bald werden wir über die Körper unserer Feinde wandeln. Einige von uns werden dann schon an einer Tafel mit ihren Ahnen schmausen. Für uns gibt es nur den Sieg oder den Tod.“ Er hob seine primitive Waffe in die Luft und ließ einen markerschütternden Schrei vernehmen. Viele der Männer um ihn herum stimmten in den Schrei ein, doch eine Gruppe von Männern, versammelt um einen anderen Hünen, blieb auffällig still.
„In dieser Zeit gab es mehrere Stämme von dieser Größe“, flüsterte der Professor. „Für die Menschen ging es ums Überleben und das war einfacher mit einem starken Anführer“. Bei diesen Worten deutete er auf den Mann auf der Erhöhung, der gerade den Schrei verstummen ließ und sich der Gruppe der Männer zuwendete, die den Schrei verweigert hatten. Der größte Mann in der Gruppe erhob sein Wort in die nun einkehrende Stille: „Du hast uns beim letzten Mal schon ins Verderben geführt. Viele unserer Männer sind tot, Frauen und Kinder entführt. Du hast kein Recht mehr, uns als Anführer in die Schlacht zu führen!“ Einige Männer ließen zustimmende Rufe vernehmen. Der Anführer stieg von seinem Podest herab und ging auf die Gruppe zu. Die Männer, die sich rund herum versammelt hatten machten bedächtig Platz. Auf dem Weg passierte er unsere drei Freunde ohne sie eines Blickes zu würdigen. Der Agilist konnte den Zorn in seinem Gesicht erkennen. Als der Anführer schließlich die Gruppe erreicht hatte, war es totenstill in dem Lager. Dann ging alles plötzlich ganz schnell. Zwei der Männer, die um den Aufrührer gestanden hatten gingen zu Boden und im nächsten Moment befanden die beiden Hünen sich in einem Kampf auf Leben und Tod. Unsere Freunde wandten die Augen ab, und nur wenige Augenblicke später konnten sie an dem Jubeln der Männer erkennen, dass es eine Entscheidung gegeben hatte. Als sie sich der Szenerie wieder zuwandten, konnten sie den Anführer erkennen, wie er sich zurück auf den Weg zu seinem Podest machte. Grimmig sah er in die Runde, dann riss er seine Waffe in die Höhe und ließ erneut den grausamen Schrei vernehmen. Diesmal stimmte jeder in dem Lager ohne Ausnahme mit ein.

Es hatte einige Zeit gedauert, bis es unseren Freunden gelungen war, das Lager wieder unauffällig zu verlassen. Auf dem Weg zurück zu ihrem Transportmittel erklärte der Professor: „Diese Welt war ein gefährlicher Ort. Der Tod war allgegenwärtig und ein Menschenleben nicht viel Wert. Die ersten Stammesfürsten waren starke und mächtige Männer, die einen gewissen Schutz boten.“ Der Agilist fröstelte, dann meinte er: „Na ja, Schutz kann man das ja wohl nicht nennen, was diesem Aufrührer in der Gruppe passiert ist.“ Der Professor nickte. „Das ist richtig. Aber es zeigte ziemlich gut, wie der Machtanspruch begründet wurde.“ „Durch Stärke und Furcht“, ergänzte der Mentalist. Der Professor nickte. „Genau. Eine solche Organisation ruft geradezu nach einem starken und rücksichtslosen Führer. Die Menschen in dieser Zeit waren sich auch noch nicht den Gefühlen der anderen bewusst. Sie waren egoistisch und auf sich selbst bezogen. Wenn sich die Chance ergab, seine eigene Position zu verbessern, dann wurde sie ergriffen. Das führte dazu, dass in der Regel der Stärkste in der Gruppe die Führung hatte, bis dass sich ein stärkerer erhob.“ „Wie in einem Wolfsrudel“, murmelte der Agilist.

Die tribal impulsive Organisation

„Wie gut, dass es solche Formen der Organisation heute nicht mehr gibt“, sagte der Mentalist, als sie den Sportwagen in ihrem Versteck erreicht hatten. Der Professor schüttelte den Kopf. „Diese Organisationsform, die wir hier beobachten durften, wird von einigen Experten in Bezug auf das zugrunde liegende Paradigma auch die tribal impulsive Organisation genannt. Im Gegensatz zu dem reaktiven und dem magischen Paradigma, die wir auf unserer letzten Reise beobachten durften, und die in unserer Zeit nur noch bei Kindern in einer Entwicklungsphase vorherrschen, gibt es auch in unserer Zeit noch eine kleine Zahl an Erwachsenen, die die Welt aus einem tribal impulsiven Paradigma sehen.“ „Hat das auch was mit der Ich-Entwicklung zu tun?“, wollte der Agilist wissen. „Ja, das tribal impulsive Paradigma entspricht ungefähr der rationalen Phase nach Loevinger, also E3“, sagte der Professor. Der Mentalist dachte kurz nach, dann sagte er: „Okay, das heißt statistisch gibt es wohl tatsächlich noch ungefähr fünf Prozent der Erwachsenen in dieser Phase“. Wieder nickte der Professor. „Ja, und können sie sich in unserer Zeit eine existente Organisation vorstellen, die ebenso wie die gerade besuchte auf Bedürfnisbefriedigung, Überleben, Rollenverteilung und Autorität bezieht?“ Kurz dachten unsere Freunde nach. Dann platzte es aus dem Agilisten heraus: „Aber natürlich!“ Der Mentalist sah ihn fragend an. „Ich verstehe noch nicht“, sagte dieser. „Eines Tages“, sagte der Agilist verschwörerisch mit rauer Stimme, „möglicherweise jedoch nie, werde ich dich um eine kleine Gefälligkeit bitten.“ Der Mentalist schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Klar doch“, rief er aus, „die Mafia“. Der Professor nickte zufrieden. „So ist es“, sagte er zufrieden. „Und jetzt sollten wir uns schleunigst aus dem Staub machen, wenn wir nicht die Stärken dieser Organisationsformen aus nächster Nähe spüren wollen“. Dabei deutete er auf den Horizont, wo der Agilist den Süden vermutete. Die Silhouette vieler herannahender Krieger zeichnete sich ab. Mehr Argumente bedurfte es nicht und schon verschwamm die Außenwelt um sie herum und sie befanden sich auf dem Weg nach Hause.

(Für weitereführende Informationen: Frederic Laloux, „Reinventing Organisations“)

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